Intern
Katholisch-Theologische Fakultät

Studientag 2026

Thema des Studientags 2026: Kipp-Punkte

Kipp-Punkte markieren jene Schwellen, an denen ökologische, politische oder gesellschaftliche Systeme abrupt und (oft) unumkehrbar in einen neuen Zustand übergehen. Gerade im Kontext der Klimakrise hat der Begriff zuletzt an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen. Es scheint, als wäre ein Kipp-Punkt der Moment einer Transformation, die „auf einmal“ da ist. Aber passiert das wirklich so plötzlich? Oder übersieht, überhört und verdrängt man nur lange genug die Signale des Kippe(l)ns, bis dieses nicht mehr aufzuhalten ist? 

Der Studientag verwendet den Begriff „Kipp-Punkt“ als wertneutrale Denkfigur, um verschiedene Ausprägungen dieses liminalen Phänomens, das sich zwischen Gleichzeitigkeit, Transgression und neuem Zustand bewegt, zu betrachten und interdisziplinär zu denken.

Der Studientag richtet sich gleichermaßen an Studierende wie Lehrende der JMU, Personen aus Schule und Pastoral sowie die interessierte Öffentlichkeit. – Herzliche Einladung!


Organisatorisches

Datum, Zeit und Ort:
Donnerstag, 26. November 2026  |  14:00–17:30 Uhr
Neue Universität, Hörsaal 318 (Sanderring 2, 97070 Würzburg)

Abendveranstaltung:
DE PROFUNDIS von Oscar Wilde in einer Bearbeitung von Oliver Resse
Ein Solotheaterabend mit Kai Christian Moritz
Donnerstag, 26. November 2026  |  19:30 Uhr
Mutterhausareal der Erlöserschwestern (Domerschulstraße 1, 97070 Würzburg)

 

Anmeldung
Für die bessere Planung und Vorbereitung des Studientags bitten wir um Anmeldung mit Angabe Ihrer beiden (Vormittag und Nachmittag) Workshop-Präferenzen per Mail an: theologie-studientag@uni-wuerzburg.de. Selbstverständlich können Sie auch spontan vorbeikommen, haben dann aber ggf. nicht mehr die gesamte Auswahl.

Hinweis für Lehrkräfte: Der Studientag ist bei FIBS gelistet und kann als Fortbildung belegt werden.

Der Flyer des Studientags 2026 als Download.
Das Plakat des Studientags 2026 in A4 als Download.

Programm und Workshops

14.00 Uhr Begrüßung und Einführung (HS 318)

14.15 Uhr Keynote

Prof. Dr. Annette Langner-Pitschmann 
Professur für Religionsphilosophie der Gegenwart, Goethe-Universität Frankfurt

Auf einmal alles anders. Philosophische Werkzeuge zur Vermessung von Kipppunkten

Als Kipppunkte markiert der gesellschaftliche Diskurs solche Transformationsmomente, in denen vertraute Verhältnisse plötzlich, folgenreich und unumkehrbar durch unvertraute abgelöst werden. Die Rede vom Kipppunkt ist dabei ambivalent: Sie markiert Momente der erlittenen Katastrophe ebenso wie Momente des ersehnten Fortschritts. In jedem Fall aber will, wer von Kipppunkten spricht, Aufmerksamkeit wecken.
Damit diesem Wunsch nach Gehör die Genauigkeit nicht zum Opfer fällt, hilft es, einige nüchterne begriffliche Unterscheidungen vorzunehmen. Wird ein Ereignis aus sich heraus zum Kipppunkt – oder erst durch die Bedeutung, die ihm in einem bestimmten Kontext zugeschrieben wird? An welcher Stelle der Koordinatenachse zwischen Kontinuität und Disruption ist der Kipppunkt zu verorten? Wie verhält sich der Gedanke unumkehrbarer Veränderung zum anthropologisch einschlägigen Bedürfnis nach Handlungs- und Deutungshoheit? Der Vortrag greift einige philosophische Denkfiguren auf, die helfen können, einer häufig verwendeten Metapher nüchtern auf den Grund zu gehen.

15.45–16.45 Uhr Workshop-Phase I

Leitung: Prof. Dr. Matthias Reményi, Dr. Agnes Slunitschek
Raum: tba

Abstract tba.

Leitung: Prof. Dr. Marlen Bunzel
Raum: tba

In der Exegese kann manchmal schon die Entscheidung für ein einziges Wort dazu führen, dass sich das Verständnis des ganzen Textes verändert. Kleine Veränderungen beim Übersetzen ziehen mitunter große Folgen nach sich. Bekannt ist das Beispiel Jes 7,14, wo aus dem hebräischen alma ("junge Frau") das griechische parthenos ("Jungfrau") geworden ist, was dann wiederum in Mt 1,23 zitiert wird.

Anhand zahlreicher weiterer Beispiele (z.B.: Ruht Gott am 7. Tag seiner Schöpfung [Gen 2,3 EÜ 2016] oder feiert er [Buber-Rosenzweig]? Bereut Ijob am Ende alles, was er gesagt hat, oder ist er getröstet [Ijob 42,6]?
Kämpft Jakob am Jabbok mit einem Mann oder umarmt ihn irgendeine*r [Gen 32]?) wird im Workshop der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Offenheit biblischer Texte als ein produktives Balancieren entlang ihrer semantischen Kipp-Punkte verstehen lässt.

Leitung: Prof. Dr. Johannes Heger
Raum: tba.

Künstliche Intelligenz gehört zu den relevantesten und meistdiskutierten Themen unserer Zeit. Nicht zuletzt hat Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ die Ambivalenz des Phänomens KI für Gesellschaft und Individuum differenziert sowie kritisch-produktiv in den Blick genommen.

Im Workshop dient die Denkfigur der Kipp-Punkte einer doppelten Vergewisserung über die Technologie selbst sowie über die von ihr ausgelösten disruptiven Transformationsprozesse: Gemeinsam wird zum einen sondiert, inwiefern der Prozess der zunehmenden Digitalisierung selbst auch als Kipp-Punkt zu lesen ist. Zum anderen werden anhand von Beispielen Momente vor Augen geführt, die illustrieren, inwiefern KI Kipppunkte erzeugt bzw. befördert.

Welche Rolle angesichts dieser Analysen Theologie und religiöse Bildung spielen, wird gemeinsam zu diskutieren sein.

Leitung: Dr. Sonja Ulrich, Torsten Woll
Raum: tba

Abstract tba.

Leitung: Prof. Dr. Martin Stuflesser, Dr. Joseph Grayland
Raum: tba.

Auf die unerlaubte Weihe von vier neuen Bischöfen durch die Piusbruderschaft am 1. Juli 2026 reagierte der Vatikan mit aller Deutlichkeit: In einem Dekret des Glaubensdikasteriums vom Folgetag wurde nicht nur die Exkommunikation der involvierten Bischöfe festgestellt, sondern erstmals werden alle Geistlichen der Bruderschaft als Schismatiker bezeichnet und gelten damit als exkommuniziert, und den Gläubigen wird vom Empfang der Sakramente (eine Möglichkeit, Papst Franziskus sogar aus pastoralen Gründen, noch ausgeweitet hatte,) abgeraten. 

Was zunächst wie eine rein disziplinarische Entscheidung aussieht, könnte jedoch auch einen Kipppunkt in der Rezeptionsgeschichte des II. Vatikanischen Konzils darstellen. Denn genau dieses Konzil mit seinen Beschlüssen etwa zum Offenbarungsverständnis, zur Religionsfreiheit, zum Dialog mit dem Judentum und andere Religionen, aber auch dessen Reform der Liturgie wird von den Piusbrüdern vehement abgelehnt. 

Bahnt sich nun, mit der erfolgten Exkommunikation, eine neue Epoche der Rezeption der Beschlüsse dieses jüngsten Konzils an?

Was bedeuten die aktuellen Geschehnisse für die sog. „vorkmziliare Liturgie“, deren Feier die Päpste der jüngeren Vergangenheit mal ausgeweitet (Benedikt XVI im Jahr 2007), oder wieder eingeschränkt hatten (Franziskus im Jahr 2021). 

Dass es bei alldem um mehr und anderes geht, als „nur“ um die Frage der Liturgiesprache, liegt auf die Hand: Auch Fragen der Ekklesiologie, des Amtsverständnisses, der Erlösungslehre und des Gottesbildes, der Schrifthermeneutik und des Verständnisses von Tradition sind von diesem Kipppunkt in der jüngsten Kirchengeschichte betroffen. 

16.45–17.15Uhr Kaffee-Pause

17.15–18.15 Uhr Workshop-Phase II

Leitung: Burkhard Hose
Raum: tba

Abstract tba.

Leitung: Dr. Branka Gabric
Raum: tba

Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags. Sie erzeugt Bilder und Texte, beantwortet Fragen, gibt Empfehlungen und unterstützt Entscheidungen. Doch was verändert sich, wenn wir beginnen, ihren Ergebnissen zu vertrauen? Was bedeutet Wahrheit in einer Welt, in der Bilder, Stimmen und Texte täuschend echt künstlich erzeugt werden können? Woran erkennen wir noch, was „wirklich“ passiert ist? Und was geschieht, wenn wir nicht nur Informationen von einer KI erhalten, sondern auch Entscheidungen zunehmend an sie delegieren?

Dabei stellt sich eine weitere Frage: Wer trägt Verantwortung, wenn eine KI beteiligt ist? Bleibt die Verantwortung beim Menschen, der sie nutzt? Bei denjenigen, die das System entwickelt haben? Bei Unternehmen und Institutionen, die es einsetzen? Oder verändert sich unser Verständnis von Verantwortung selbst, wenn Entscheidungen zunehmend zwischen Mensch und KI entstehen?

Der Workshop nimmt diese Fragen zum Ausgangspunkt und nähert sich ihnen aus einer ethischen und moralpsychologischen Perspektive. Es geht darum, jene Momente wahrzunehmen, in denen sich unser Verhältnis zu Wahrheit, Vertrauen, Entscheidung und Verantwortung verschiebt.

Leitung: Dr. Amelie Bieg, Dr. Christine Hartig
Raum: tba

Die Aufdeckung und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der deutschen katholischen Kirche verliefen nicht linear, sie verdichteten sich vielmehr in einzelnen Momenten, vielleicht auch Jahren: 2002, 2010, 2019.

Der Workshop nimmt diese Jahre in den Blick und diskutiert, ob sich das Konzept des Kipppunktes hierfür eignet. Herausgearbeitet werden sollen die Charakteristika dieser Momente: Welche Rolle spielten Betroffene, Medien, Forschung, Recht, Politik und innerkirchliche Akteure in diesen Jahren? Welche Akteure und Dynamiken erzeugten, erschwerten oder verhinderten Aufdeckung? Welche Folgen hatten diese Ereignisse, führten sie zu nachhaltiger Aufarbeitung und zur Veränderung von Prozessen?

Leitung: Johannes Raphael
Raum: tba

Bis vor kurzem galt die USA als größtes sog. „Geberland“ in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit; dies änderte sich in Trumps zweiter Amtszeit mit der Zerschlagung von USAID. Wenn auch weniger drastisch, werden auch in anderen Ländern entwicklungspolitische Mittel deutlich gekürzt. Neben dem Rückgang der staatlichen ODA-Mittel in Deutschland stellen für die kirchlichen Hilfswerke zudem auch rückläufige Kirchensteuereinnahmen und Spenden eine Herausforderung dar.

Die Entwicklungszusammenarbeit steckt nicht nur hinsichtlich ihrer Finanzierung, sondern grundlegender bzgl. ihrer gesellschaftlichen Legitimation in der Krise. Die öffentliche Unterstützung in Deutschland sinkt (vgl. DEval-Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2024). Von der politischen Rechten wird Entwicklungszusammenarbeit diYamiert und mit nationalistischen Argumenten grundsätzlich infrage gestellt.

Zugleich gibt es auch gerechtfertigte Anfragen an entwicklungspolitische Praxis, z. B. hinsichtlich Dekolonialität, politischer und wirtschaftlicher Wirkung, Effizienz und Nachhaltigkeit. Diese rechtfertigen jedoch nicht, den Anspruch internationaler und globaler Verantwortung auf diesem Feld aufzugeben. Insbesondere aus christlich-sozialethisch bestimmten Prinzipien und Motiven der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Option für die Armen lässt sich dafür argumentieren, Entwicklungszusammenarbeit konstruktiv-kritisch zu stärken – damit sie nicht auch hierzulande kippt.

Die Workshopteilnehmenden sind eingeladen, vor dem Hintergrund eines inhaltlichen Inputs und einer kleinen Textarbeit den Stand der Entwicklungszusammenarbeit zu diskutieren: Wie blicken sie jeweils auf Entwicklungszusammenarbeit und auf die angesprochenen gesellschaftlichen Entwicklungen? Wo handelt es sich um graduelle Verschiebungen oder Krisenerscheinungen und wo kann es Kipppunkte geben? Wie kann in diesem Zusammenhang globalen Gerechtigkeitsansprüchen Geltung verliehen werden.

19.30 Uhr: DE PROFUNDIS – eine unmögliche Liebe

Solotheater mit Kai Christian Moritz

von Oscar Wilde
in einer Bearbeitung von Oliver Reese
aus dem Englischen von Mirko Bonné
 

Wann? 19.30 Uhr
Wo? Mutterhausareal der Erlöserschwestern

Abendveranstaltung in Kooperation mit der Domschule.