piwik-script

Intern
    Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft

    „Glaubensfrage" - Kolumne von Hildegund Keul: Chance der Verletzlichkeit

    20.12.2020

    Kolumne von Hildegund Keul, Theologin und Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg, in der österreichischen Wochenzeitschrift „Die Furche".

    Vulnerabilität war vor Kurzem noch ein unbekannter Zungenbrecher. Aber dann kam die Corona-Pandemie und allerorten zeigte sich die Notwendigkeit, über Verwundbarkeit und die besonders vulnerablen Gruppen zu sprechen. Zudem brachten die islamistischen Terroranschläge in Paris, Nizza und Wien die Verwundbarkeit offener Gesellschaften auf die Agenda. Kein Wunder, dass der Zungenbrecher Vulnerabilität 2020 in die Alltagssprache einging.

    In den Wissenschaften hingegen ist der Begriff schon länger verwurzelt. Ein Blick in die letzten Jahrzehnte zeigt, welch breite gesellschaftliche Relevanz der Erforschung von Vulnerabilität zukommt. Für die Behandlung und Prävention von Krankheiten ist es entscheidend, dass Medizin und Psychologie mehr über die Anfälligkeit einzelner Menschen oder bestimmter Gruppen erfahren – die Corona-Pandemie führt dies anschaulich vor Augen. Aber auch die Armutsforschung hat früh im Diskurs mitgemischt, seit der Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Amartya Sen in den 1980er Jahren dazu anregte, den Zusammenhang von Armut, sozialer Ungleichheit und Hungersnöten zu untersuchen. In der Folge wurde „Armut und Verwundbarkeit“ in UN-Gremien ein feststehender Doppelbegriff, beispielsweise in Armutsbekämpfung, Gesundheitsfürsorge und Migrationsbewältigung.

    Die Ökologie verlieh dem Fachbegriff Aufschwung und Popularität, weil sie nach der Vulnerabilität von Arten, Populationen und Ökosystemen gegenüber dem Klimawandel fragt. Aber auch Naturgefahren- und Katastrophenforschung konnten den Begriff gut brauchen. Gemäß dem Grundsatz der Naturwissenschaften, das Nicht-Messbare messbar zu machen, erfolgte eine Quantifizierung von Vulnerabilität. Beinahe unbemerkt wurde „vulnerabel“ als Charakteristikum alles Lebendigen auf Unbelebtes wie Gebäude, Maschinen und Materialien übertragen. Die Informatik bezeichnet mit Vulnerabilität die Sicherheitslücken von Computersystemen. Architektur und Ingenieurwissenschaften wollen herausfinden, wie vulnerabel Gebäude gegenüber Naturkatastrophen sind. Ab welcher Erdbebenstärke bricht ein Haus zusammen, und wie kann man das verhindern?

    Für die politische Philosophie war das Attentat auf das World Trade Center 2001 in New York ein Wendepunkt. Die Verletzung der USA machte deren Vulnerabilität sichtbar und zerstörte die Utopie unverwundbarer Stärke. Welche Machtwirkungen dies im Raum des Politischen ausübt, analysierte Judith Butler in ihren berühmten Essays „Gefährdetes Leben“. In der Politikwissenschaft beschrieb Heribert Münkler Vulnerabilität als Schlüsselkategorie in Sicherheitsanalysen und Zukunftsprognosen. Er stellte der Vulnerabilität den Begriff Vulneranz zur Seite und meinte damit die „Verletzungsfähigkeit“: ein Staat muss wissen, wo er selbst verwundbar ist und wo er andere Personen, Institutionen, Staaten verletzen kann. Damit war Vulneranz als neuer Schlüsselbegriff der Vulnerabilitätsforschung gesetzt.

    Ein Punkt fällt in der Forschung besonders auf: Während einige Wissenschaften Vulnerabilität ausschließlich als etwas Negatives sehen und ihre Forschungen als Schwachstellenanalyse betreiben, rücken die Geistes- und Sozialwissenschaften auch die positiven Seiten der Verwundbarkeit in den Blick. Diese wird als Öffnung verstanden, die Menschen zwar Schmerz und Verlust aussetzt, aber auch befähigt, empathisch zu ein, einander zu lieben und solidarisch zu handeln. Keine Liebe ohne Verletzlichkeit. Wenn offene Gesellschaften eine besondere Vulnerabilität aufweisen, ist dies nur ein zu minimierendes Restrisiko, oder bergen gemeinsam verschmerzte Wunden eine Chance auf gesellschaftlichen Zusammenhalt?

    An dieser Stelle, wo der Vulnerabilitätsdiskurs eine Wende nimmt, kommt die christliche Theologie ins Spiel. Sie ist reich an Traditionen, die die menschliche Vulnerabilität mit ihren destruktiven Gefahren genauso wie mit ihren schöpferischen Möglichkeiten beleuchten. Sie gründet auf der Überzeugung, dass Gott in Jesus von Nazareth ein verwundbarer Mensch wurde: von seiner Geburt als schutzbedürftiger Säugling bis hin zum Foltertod am Kreuz. Beharrlich setzt die Theologie auf jene Geistkraft, die nicht mit Rüstung, Mauern und Waffen daherkommt, sondern weht, wo sie will, und die gerade mitten in schmerzlichen Wunden überraschendes Leben stiftet, Menschen befreit und beflügelt.

    Wunde und glückhaft – kein Gegensatz

    Michel de Certeau (1925–86), französischer Mystik-Forscher, Jesuit und Mitbegründer der Kulturwissenschaften, steht ganz in dieser Tradition. In seinem Leben macht er die Erfahrung, dass eine Wunde, die zuvor nur verletzend war, sich wandelt zu einer „glückhaften Wunde im Herzen jeder menschlichen oder religiösen Solidarität“. Ob es solche Momente auch heute gibt, mitten in der Corona-Pandemie, mitten im Schmerz nach dem Anschlag in Wien? Wunde und glückhaft, das scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Denn Wunden erzeugen Schmerzen, tasten das Leben an und können es sogar zerstören. Aber Wunden sind auch eine Herausforderung, human zu handeln, sich einander zuzuwenden und einander beizustehen. Menschliche, religiöse und interreligiöse Solidarität zu praktizieren.

    Solche Solidarität war am Werk, als sich am 2. November in Wien die beiden türkischstämmigen jungen Männer noch mitten im Anschlag in die Schusslinie wagten. Sie konnten einer vom Anschlag desorientierten Frau aus der Schusslinie heraushelfen und einen schwerverletzten Polizisten zum Krankenwagen bringen. Ungeschützt in die Schusslinie gehen, um anderen aus der Schusslinie zu helfen; die eigene Verwundung riskieren, um die Verwundung anderer zu verhindern oder mindestens zu lindern: das Aufleuchten eines Augenblicks, der dem Tod Trotz bietet.

    Auch die schier endlos wirkenden Monate der Corona-Pandemie offenbaren solche Augenblicke. Unzählige Menschen engagieren sich im Gesundheitswesen, in Sozialeinrichtungen, in Flüchtlingslagern für das Wohlergehen Anderer. Unzählige Menschen nehmen schmerzliche Verluste auf sich, um die Pandemie so weit als möglich zu stoppen. Und es geschieht etwas Merkwürdiges: „In dem Maße, wie die Wesen vollkommen scheinen, bleiben sie isoliert, in sich selbst verschlossen. Doch die Wunde der Unvollendung öffnet sie. Durch das, was man Unvollendung, animalische Nacktheit, Wunde nennen kann, kommunizieren die verschiedenen, voneinander getrennten Wesen, gewinnen Leben, indem sie sich in der Kommunikation untereinander verlieren.“ (Georges Bataille) Wo Menschen einander beistehen und miteinander Wunden verschmerzen, führen sie eines vor Augen: die Kostbarkeit des Lebens.

    Zurück