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    Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft

    Beitrag von Prof. Matthias Remenyi für Christ & Welt / Zeit online

    04.04.2019

    Frage: „Was ist erstens Ihr größtes Versäumnis als Theologe beim Thema Missbrauch und worin liegt zweitens Ihrer Meinung nach die theologische Lösung dieser Krise?“

    2009 wurde ich in Freiburg zum Ständigen Diakon geweiht. Wir wussten damals alle, dass unser Bischof einen Intensivtäter gedeckt hatte. Trotzdem hatte ich kein Problem, ihm und seinen Nachfolgern Treue, Ehrfurcht und Gehorsam zu versprechen. Nicht mein Entscheid zum Diakonat bestürzt mich, den habe ich nie bereut, sondern die damit verbundene Dissoziierungsleistung. Ich konnte das Thema als für mich irrelevant abspalten. So habe ich mich auch in meinem akademischen Werdegang zwar einigermaßen erfolgreich im System bewegt, aber nie die Systemfrage gestellt. Vielleicht sogar weniger aus Furcht denn schlicht aus Anpassung. Es kam mir nicht in den Sinn, zumindest nicht in der nötigen existentiellen Tiefe. Diese billige Selbstverständlichkeit ist mir zerbrochen. Gott sei Dank.

    Eine unmittelbare theologische Lösung gibt es nicht. Die Krise umfasst das Handeln der Kirche. Die Sakramentalität der Kirche, nicht nur ihres Amtes, ist durch das massive und andauernde Versagen der Hierarchie in Frage gestellt. Man lenke nicht durch Spiritualisierung ab: Ob wir eine Glaubenskrise haben, steht auf einem anderen Blatt. Aber das, was sich derzeit Bahn bricht, noch nicht einmal ausgelöst, aber doch befeuert durch die Nachrichten von sexueller Gewalt an Minderjährigen und an Nonnen sowie deren Vertuschung, ist zuvörderst eine Struktur- und eine Leitungskrise. Wir haben ein Machtproblem, und wir haben ein Gerechtigkeitsdefizit. Das zerstört das Eigentliche, um das es der Kirche zu gehen hat: die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes.

    Die theologische Frage lautet: Welche theologischen Konzepte bieten die Legitimationsfolie für Klerikalismus, Machtmissbrauch und institutionellen Narzissmus? Ich denke dabei nicht so sehr an die klassischen Reizthemen wie Zölibat, Frauenordination oder Sexualmoral. Hier ist die theologische Debattenlage sehr klar. Weite Teile der akademischen Theologie fordern seit langem mit guten Gründen neue Zugangswege zum Amt und eine Neubewertung z.B. von Homosexualität. Es gibt hier weniger Diskussions- als vielmehr dringlichen Rezeptionsbedarf auf kirchenamtlicher Seite. Theologische Forschungsergebnisse werden seit Jahrzehnten schlicht ignoriert. Nein, ich denke an Fragen der Kirchen-, Sakramenten- und Offenbarungslehre: Was bedeutet Sakramentalität – im Unterschied zur Sakralität des heiligen Scheins? Und wer bestimmt, was der Wille Gottes ist?

    So wenig wie es die theologische Lösung gibt, gibt es die Theologie. Aber es gibt einige Dinge, die ich in meiner theologischen Arbeit beachten will. Ich will das Zeugnis der Betroffenen als einen theologischen Erkenntnisort respektieren. Sie sind Prophetinnen und Propheten unserer Zeit, von denen es zu lernen gilt. Ich will meine theologischen Modelle prüfen, ob sie diesem Zeugnis zu entsprechen vermögen. Zweitens will ich lernen, klarer zu sprechen und das zu sagen, von dem ich denke, dass es der Fall ist. Ohne Empörung und Selbstüberhebung, aber auch ohne Furcht. Das bedeutet auch, meine theologischen Sätze ideologiekritisch zu hinterfragen. Dass Amt immer Dienst ist, ist z.B. zweifellos ein theologisch wahrer Satz. Aber er ist ein missbrauchter, ein hohler, ein heuchlerischer Satz geworden. Schließlich möchte ich lernen, systemisch bewusster zu sprechen. Als getaufter Christ, als verheirateter Kleriker und als universitärer Theologe bin ich Teil dieser Kirche. Sie ist mir heilig. Gerade deshalb sehe ich meine Aufgabe darin, meine Freiheit zu nutzen, um wenigstens durch entsprechende Wortmeldungen unser innerkirchliches Demokratiedefizit abzumindern.

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