Intern
Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft

Interview: Theologie für die Gegenwart

28.04.2026

Prof. Dr. Matthias Remenyi wurde von Christ in der Gegenwart (CIG) interviewt.

Was ist Ihr Lieblingsort?
Die Kapfenkapelle am Höhenweg von St. Peter nach St. Märgen. Man hat einen wunderbaren Blick nicht nur auf Sankt Peter und Sankt Märgen, sondern auch hinüber zum Feldberggipfel. Es gibt für mich keinen schöneren und erholsameren Ort als diesen.
Woran forschen Sie gerade?
Dieser Tage erscheint ein von mir mit herausgegebenes Buch über Segensfeiern, in dem ich argumentiere, dass mit der römischen Erklärung Fiducia supplicans über die pastorale Sinngebung von Segnungen sehr wohl lehramtlich etwas Neues geschehen ist. Daneben beschäftigt mich weiterhin das Thema Machtmissbrauch und der Missbrauch geistlicher Autorität – nicht nur in meinen Beiträgen zu unserem Würzburger Zertifikatsprogramm, sondern auch in Vorträgen. Außerdem sitze ich gerade an einem Aufsatz über Neo-Integralismus, denke über mein Dauerthema Panentheismus nach und freue mich über Vortrags- und Aufsatzverpflichtungen zu Christologie und Eschatologie, die ebenfalls in diesem Jahr noch anstehen.
Was ist für Sie das drängendste theologische Problem der Gegenwart?
Ich fürchte, dass wir noch keine gute theologische Antwort auf das Phänomen der religiösen Indifferenz haben, das nicht nur den christlichen Universalismus, sondern auch theologische Basisannahmen wie die sog. anthropologische Wende in Frage stellt. Und wir sollten nochmals neu und tiefer über Offenbarung nachdenken. Es ist ein Schlüsselthema für den Themenkomplex Machtmissbrauch ebenso wie für die Frage nach der Reichweite lehramtlicher Autorität.
Mit welcher Person aus der Gegenwart oder Geschichte würden Sie gern einmal diskutieren? – Worüber?
Mit Karl Rahner. Er ist für mich der wichtigste Theologe des 20. Jahrhunderts, und ich stehe mit Staunen vor seinem Lebenswerk. Mich würde interessieren, wie er das Verhältnis von Theologie und Glauben heute einschätzt, ob er wirklich so ein Grantler ist – und natürlich, ob er den Blick von der Kapfenkapelle aus genauso mag wie ich. Die Frage nach dem theologischen Vorbild ist damit übrigens auch beantwortet …
Meine aufregendste Bibelstelle …
Es sind zwei. Das hundertfache „Fürchte-dichnicht“ als Ermutigung zur Arbeit an der Angst und Joh 10,10b: „Damit sie das Leben haben“. Der Vers war unser Hochzeitsevangelium und mein Weihespruch Jahre später als Diakon. Für mich formuliert er das Kernkriterium bei Lebensentscheidungen: Was führt ins Weite, Helle, hinein ins Leben?
Und über welche Bibelstelle stolpern Sie jedes Mal?
„Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8). Ich stolpere jedes Jahr am Karfreitag über diesen Satz. Ich verstehe ihn christologisch nicht, und ich verstehe ihn existentiell nicht.
Mein „Herzens“-Gebet ...
„Herr, ich bin nicht würdig.“ Meine im Dezember 2024 überraschend verstorbene, jüngere Schwester hat es umformuliert: „Herr, ich bin dir würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“ Es stand, mit Wachsstiften auf ein Plakat geschrieben, auf ihrem Schreibtisch. Das berührt mich zutiefst.
Bei welcher Szene der biblischen Geschichte wären Sie gerne persönlich dabei (gewesen)?
Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das eine gute Idee wäre. Grade in Glaubensdingen ist historische Distanz doch eigentlich ein Segen.
Welchen Atheisten schätzen Sie?
Die Frage ist ziemlich 1970er, finden Sie nicht auch?
Wann waren Sie zuletzt im Kino? In welchem Film?
Jetzt unlängst im neuen Hape Kerkeling. Ich gestehe, ich fand ihn allen Verrissen zum Trotz sehr lustig. Und um mich rum nur so mittelalte Männer mit Bauchansatz wie ich …
Und im Theater?
Anfang Januar im Münchner Volkstheater in Die Brüder Karamasow, inszeniert von Christian Stückl. Der Abend war ein Geschenk meiner älteren Tochter. Wunderbar.
Was würden Sie einem jungen Menschen mitgeben, der gerade beginnt, Theologie zu studieren?
Herzlichen Glückwunsch zum schönsten Studienfach der Welt! Genieße die Zeit und habe Freude am Lesen, Lernen und Studieren. Suche dir dein Herzensthema, von dem ausgehend du dir den Stoff erschließen kannst. Diskutiere mit anderen, aber sei skeptisch gegenüber den Lautsprechern und Vereinfachern. Verschließe dich der autoritären Versuchung. Gönne dir den Luxus eigenständigen Denkens und halte Herz und Hirn weit und offen. Schließlich: Sei freundlich zu uns Profs. Wir sind auch nur Menschen und geben unser Bestes. Aber glaub uns um Himmels willen auch nicht alles!
Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Hör auf, dich ständig selbst zu verdächtigen. Sei gnädig zu dir selbst.
Welches nicht-theologische Buch lesen Sie gerade?
Offen gestanden mag ich Krimis. Mein klarer Favorit ist Comissario Montalbano von Andrea Camilleri, der seine Zeit mit bestem italienischem Essen und anschließenden Spaziergängen am sizilianischen Strand
zubringt. Es liegt aber derzeit auch Die Lebensentscheidung von Robert Menasse auf meinem Büchertisch.
Und welches theologische?
Nicht unbedingt theologisch, aber mit Bezug zur Arbeit: Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie und Hans Joas: Universalismus.
Wovor haben Sie Angst?
Vor dem ersten AfD-Ministerpräsidenten. Und vor der Dummheit, Ignoranz und Herzenskälte jener, die ihn aus Überzeugung gewählt haben werden.
Worauf freuen Sie sich?
Auf die kleinen Unterbrechungen im Alltag, die mir zeigen, dass ich zuhause und gut aufgehoben bin: das nächste Bayernspiel mit Freunden in Rimpar, der Sonntagabendkrimi auf dem Sofa, der Besuch mit meiner Familie beim Italiener im Dorf, der Spaziergang mit Burkhard Hose und Hund bei uns in den Feldern …

Das Interview finden Sie hier als PDF und hier hinter einer Paywall auf der Website von Herder.

 

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