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    Professur für biblische Einleitung und biblische Hilfswissenschaften

    Kapitel 4: Die Satzebene

    Grundlegendes (Darstellung von Sebastian Walter)

    Richters Theorie des Satzbaus ist eine durch eine Wortsemantik flankierte Valenztheorie. Als „Valenztheorien“ zusammengefasst wird i.d.R. eine Gruppe von Syntax-Theorien, die annehmen, den „Kern“ eines Satzes bilde (außer in Nominalsätzen) ein  „verbaler Kern“. Von diesem „verbalen Kern“ werden eine Reihe von „Komplementen“ oder „Ergänzungen“ regiert; d.h. von ihm hängen eine Reihe von Ausdrücken ab, die ein Satz enthalten muss, damit dieser Satz mit seinem jeweiligen verbalen Kern vollständig ist. Im deutschen Satz „Der Junge gibt dem Mädchen ein Buch“ etwa fordert das Verb „geben“ drei Komplemente: Das, das angibt, wer etwas gibt; das, das angibt, was er gibt, und das, das angibt, wem er etwas gibt. Ohne diese drei Komplemente wäre ein Satz mit dem verbalen Kern „geben“ unvollständig. Grafisch:

    Das Gesamt aus verbalem Kern und seinen Komplementen nennt man den „Kernsatz“. Erweitert wird dieser Kernsatz aus verbalem Kern und Komplementen / Ergänzungen durch „Supplemente“ oder „Angaben“, zum Beispiel: „Der Junge gibt dem Mädchen heute ein Buch“.

    In der Richter’schen Variante der Valenztheorien werden Komplemente bezeichnet als „Syntagmen“. Abgekürzt werden diese in der Datenbank wie folgt:

    • 1.Sy[ntagma]: Subjekt
    • 2.Sy: direktes Objekt
    • „2.Sy“: (in)direkte Rede (die funktional den selben syntaktischen Slot füllen kann wie ein direktes Objekt, vgl.: „Der Junge erzählte eine Geschichte“ vs. „Der Junge erzählte, er habe im Lotto gewonnen“ vs. „Der Junge erzählte: ‚Ich habe im Lotto gewonnen!‘“).
    • ‚2.Sy‘: Objektsatz (ebenso, vgl. „Der Junge erzählte, er habe im Lotto gewonnen“ vs. „Der Junge erzählte, dass er im Lotto gewonnen habe.“)
    • 3.Sy: indirektes Objekt
    • 4.Sy: Präpositionalobjekt
    • 5.Sy: Lokativ
    • 6.Sy: Dislokativ (=direktional / separativ)
    • 7.Sy: eingegliederte Infinitivkonstruktion
    • ‚7.Sy‘: semantisches Prädikat als Satz
    • 8.Sy: betroffene Person oder Sache
    • 9.Sy: Evaluation
    • 10.Sy: Vergleich; gleich- oder ungleichwertig
    • 11.Sy: Agentiv
    • 12.Sy: Annexion

    Ziel der Satzebene der BHt-Datenbank ist es, einen Satz ausgehend von diesem syntaktischen Modell möglichst vollständig zu beschreiben.

    Während Wort- und Wortfügungsebene mehrfach auf Konsistenz geprüft wurden,  sind die Arbeiten an der Satzebene bedingt durch den Tod Wolfgang Richters unvollständig (Psalmen liegen bisher nur in einem von einer Hilfskraft angefertigten Rohentwurf vor) und entbehren solchen Konsistenzprüfungen und Korrekturläufen. Man wird hier deshalb nicht selten auf widersprüchliche Angaben stoßen (Inkonsistenzen Wort- vs. Satz- bzw. Wortfügungs- vs. Satzebene). 

    Man gelangt zum jeweiligen Datensatz eines Satzes, indem man in der Buchansicht zunächst mit Linksklick auf eines der Wörter im betreffenden Satz auf die Wortebene wechselt und sich dann von dort am unteren Seitenrand zur Satzebene weiterklickt:

    Ein Datensatz umfasst 12 Zeilen; diese seien nun Schritt für Schritt näher erläutert anhand von Ob 1,4b  = ʾim  bēn  kōkabīm  śīm  qinn-i = ka „und wenn zwischen den Sternen gesetzt wäre dein Nest“:

    Zeile 1

    enthält die Stellenangabe; im Weiteren näher bestimmt wird also der Satz Ob 1,4b, der besteht aus den sechs Tokens zwischen den Positionen 0 und 7. Gezählt wird also ebenso, wie bereits zur Wortfügungsebene erläutert wurde; etwa ist zwar Token 1, lässt sich aber präziser bestimmen als „der Token zwischen Satzposition 0 und 1“, daher

    (0)  (1) ʾim (2) bēn (3) usw.

    Zeile 2

    beschreibt die Satzart des Kernsatzes näher, nämlich zunächst mit „V“ für „Verbalsatz“ oder mit „N“ für „Nominalsatz“. Darauf folgt eine durch zwei mit Komma getrennten Ziffern bezeichnete genauere Angabe des Satzbauplans. Ob 1,4b etwa ist ein Nominalsatz, der gebaut ist nach dem Satzbauplan „4,1“ für Nominalsätze. Der Satzbauplan „N4,1“ ist ein Partizipial- oder Infinitivus-absolutus-Satz mit den Satzteilen (1) „indeterminiertes Partizip“ (hier also śīm „es [wäre] gesetzt“) (2) „determinierte Nominalgruppe“ (hier also qinn-i = ka „dein Nest“, determiniert durch ePP) und (3-n) „weitere(s) Satzglied(er)“ (hier also z.B. die Präpositionalphrase bēn  kōkabīm „zwischen den Sternen“).

    Hier werden im Weiteren nur die Oberkategorien aufgelistet; eine Liste mit sämtlichen Ober- und Unterkategorien findet man im hier verlinkten Aufsatz von Rechenmacher: „Wolfgang Richters Satzbaupläne“ (S. 280-284).

    • V1: Zustandsverb + weitere Syntagmen
    • V2-3: intransitives Aktionsverb + weitere Syntagmen (die Zuordnung zu V2 vs. V3 und zu den diversen Unterkategorien hängt davon ab, mit welchen Syntagmen genau der Satzbauplan gebaut ist. So auch im Folgenden)
    • V4-7: transitives Aktionsverb + weitere Syntagmen
    • Sonderfall: V2,1_1pol: Einpoliger Verbalsatz, also z.B. wa=yíhy ohne Subjekt.
    • N1: Zweigliedriger Nominalsatz aus zwei Nominalgruppen
    • N2: Zweigliedriger Nominalsatz, eines der Satzteile ist Präpositionalverbindung
    • N3: Zwei- oder mehrgliedriger Nominalsatz, eines der Satzteile ist ein Adjektiv
    • N4: Zweigliedriger Nominalsatz, eines der Satzteile ist ein Partizip oder ein Infinitivus absolutus
    • Einpolige Nominalsätze:
      • ExS: Existenzsatz
      • DS: Deiktischer Satz
      • NegS: Negationssatz
      • IntS: Interjektionssatz
      • AnrS: Anrede
      • Sonderfall: NS3.n.n_1pol: Adjektiv ohne Subjekt („es ist genug“).

    Zeilen 3-4

    beschreiben, um welche Elemente der in Zeile 2 näher bestimmte Kernsatz erweitert ist. Diese Elemente können im konkreten Satz ausgedrückt sein (Zeile 3) oder nur im näheren Kontext dieses Satzes stehen, im Satz selbst aber unausgedrückt und damit „getilgt“ sein (Zeile 4).            
    Beschrieben wird dies mithilfe einer achstelligen Zahlenkombination. Die Position bezeichnet, welcher Art das ausgedrückte oder getilgte Element ist, die Zahl bezeichnet die Anzahl dieser ausgedrückten oder getilgten Elemente. In Ob 1,4b etwa sind erstens zwei derjenigen Elemente ausgedrückt, die durch die dritte Position der achstelligen Zahlenkombination markiert werden, nämlich Konjunktionen oder Relativpronomen (hier also die zwei Konjunktionen  und ʾim), zweitens ist eines derjenigen Elemente getilgt, die durch die vierte Position der achtstelligen Zahlenkombination markiert werden, also eine Interjektion (hier nämlich die Interjektion nȧʾū*m YHWH in Ob 1,4cJ, die sich natürlich auch auf diesen Satz bezieht).

    Es folgt eine Liste der Elemente, die durch die acht Positionen der Zahlenkombination bezeichnet werden. Zu manchen dieser Elemente wird hier noch präzisiert, wie Richter noch weiter differenziert, obwohl dies aus Zeile 3 so nicht erkennbar ist.

    • 00000001: C(ircumstantial), also Umstandsangabe. Richter unterscheidet:
      • C1: Umstandsangabe mit Bezug auf den Kernsatz als Ganzen
      • C2: Umstandsangabe mit Bezug auf P („Er spricht schnell“)
      • C3: Umstandsangabe mit Bezug auf 1.Sy, das Subjekt („Er spricht betrunken“)
    • 00000010: ADN(ominale). Richter unterscheidet
      • ADN1: Adnominale zum 1.Sy
      • ADN2: Adnominale zum 2.Sy
    • 00000100: VOK(ativ)
    • 00001000: INT(erjektion)
    • 00010000: KONJ(unktion) / R(elativ)PRON(omen)
    • 00100000: DEIKT(ikon). Richter unterscheidet
      • DEIKT1: textgliederndes Deiktikon
      • DEIKT2: satzgliederndes Deiktikon
      • DEIKT3: wortweisendes Deiktikon
    • 01000000: Partikel. Richter unterscheidet
      • NEG(ationspartikel)
      • I(nfinitivus)AB(solutus)
      • MOD1: Epistemische Partikel
      • MOD2: Modal-Partikel
      • MOD3: Abtönungs-Partikel
      • MOD4: Fokus-Partikel
      • MOD5: Existenz-Partikel
    • 10000000: FR(age)P(ar)T(i)KEL / FR(age)PRON(omen) / FR(age)ADV(erb)

    Zeile 5

    gibt noch einmal den Satz aus der Buchansicht wider, hier aber gegliedert in Tokens. „%“ und „$“ sind Metazeichen der Datenbank; mittelfristig soll diese Darstellung „verschönert“ werden z.B. von „%w%.“ zu „“.

    Zeilen 6-7 & 8-9:

    Zeile 6 schlüsselt den betreffenden Satz noch einmal auf nach Position und Art von Prädikat und von diesem Prädikat abhängenden Syntagmen. Ob 1,4b etwa setzt sich zusammen aus dem Prädikat, das sich zwischen Satzposition (4) und (5) findet, („wäre gesetzt“) einem 1. Syntagma (=Subjekt) zwischen Satzposition (5) und (7) („dein Nest“), einem 5. Syntagma (=Lokativ) zwischen Satzposition (2) und (4) („zwischen den Sternen“). Außerdem wird hier das Bezugswort des enklitischen Personalpronomens „dein“ zwischen Position (6) und (7) angegeben: Es findet sich in Ob 1,1b, nämlich „Edom“.

    Zu Zeile 8: Ob 1,4b ist ein intransitiver Satz im Zustandspassiv („das Nest ist gesetzt zwischen den Sternen“). Als solcher ist er doppelt transformiert aus einem hypothetischen aktivischen und einem hypothetischen transitiven Satz („X setzt das Nest zwischen die Sterne“). Ist ein Satz eine solche Transformation eines "Basis-Satzes", den man als zugrundeliegend annehmen kann, wird in Zeile 8 noch einmal die „Tiefenstruktur“ dieses angenommenen Basis-Satzes nach dem selben Prinzip widergegeben. Hier also: Ergänzt wird aus Ob 1,4a das 1.Sy, das Subjekt ist also das „du“, das im 2.Pers.-Verb tagbīh ausgedrückt ist. Das Satzelement in Ob 1,4b zwischen den Positionen (5) und (7) – „dein Nest“ – ist in dieser aktivischen Tiefenstruktur nicht mehr 1.Sy, also Subjekt, sondern 2.Sy, also direktes Objekt. Und das Element zwischen Positionen (2) und (4) – „zwischen den Sternen“ – ist in dieser transitiven Tiefenstruktur nicht mehr Lokativ („zwischen den Sternen“), sondern direktionaler Dislokativ („zwischen die Sterne“), daher nicht mehr 5.Sy, sondern 6.Sy. Man erkennt: Angenommen wird, dass dem Satz "Dein Nest ist zwischen den Sternen gesetzt" zugrunde liegt: "Du setzt dein Nest zwischen die Sterne".

    Zeilen 7 und 9 bestimmen das in den jeweils vorangehenden Zeilen Ausgedrückte noch einmal semantisch etwas näher. Diese Art von semantischer Näher-Bestimmung von Prädikat und Syntagmen ist eine Forschungsrichtung, die in der Hebraistik außerhalb der Münchener Schule leider kaum gepflegt wird. Unter anderem hier liegen für die Hebraistik, die Semantik und die Valenzforschung Forschungsschätze abfragebereit in der Datenbank parat, die noch fast in Gänze darauf warten, gehoben zu werden. Hier zum Beispiel: Das Prädikat „setzen“ ist ein Verb des Setzens, Stellens, Legens („pon“ in Zeile 9). Mit solchen Verben lässt sich nicht jeder beliebige Satzbauplan realisieren. Einer der wenigen Satzbaupläne, der sich sozusagen „automatisch“ aus der Art des Verbs ergeben kann oder in diesem Verb bereits angelegt ist, ist der konkrete, der hier auch in Zeile 9 beschrieben wird: Ein Satzbauplan, in dem von diesem konkreten Prädikat ein 2.Sy als durch die Ortsveränderung affizierten („aff“) Objekt und ein 6.Sy als der Ort, auf den die Ortsveränderung des Setzens/Stellens/Legens zielt („dir“), abhängen muss. Einige solcher „Valenz-Automatismen“ hat bereits Richter in diversen Werken beschrieben; viele weitere warten aber noch auf ihre Beschreibung.

    Wichtige Abkürzungen

    • qual                      Qualität
    • quant                   Quantität
    • dim                       Dimension
    • rel                          Relation
    • ess                        Ergehen
    • amov                    Fortbewegen
    • mans                    Ruhen
    • fac                        Tun
    • mun                      Versehen mit, Machen zu, Benennen
    • don                       Geben
    • komm                   Mitteilen
    • pon                       Setzen
    • pat                         Subjekt erleidet (VS I und II)
    • ag                           Subjekt ”‘agiert”’ (VS III)
    • erg                         Subjekt ”‘handelt”’ (VS IVff)
    • aff                          affiziert (beim Objekt)
    • eff                          effiziert (beim Objekt)
    • sep                        separativ (beim 6.Sy)
    • itin                         itinerativ (beim 6.Sy)
    • dir                          direktiv (beim 6.Sy)
    • konkr                    Konkretum
    • abstr                     Abstraktum
    • stact                      Resultat, Einzelakt etc.
    • ind                         Individuum
    • koll                        Kollektiv
    • kont                      Massenterm (Gold, Staub, Wasser etc.)
    • anim                     belebt
    • hum                      menschlich
    • div                         göttlich
    • ...                           (zu weiter spezifizierenden Sem-Bezeichnungen vgl. die Zusammenstellungen von M. Mulzer unter Wortebene)
    • konn                     konnektiv
    • add                        additiv
    • pb                          Präposition b˙ =
    • pk                          Präposition k˙ =
    • pl                           Präposition l˙ =
    • pi                           Präposition ʾil
    • pc                          Präposition ʿal
    • pm                         Präposition min
    • po                          Präposition ʾat
    • K                             Kontexttilgung
    • S                             Situationstilgung
    • 0                             Semantische Nullstelle
    • pass                      < Passiv-Transformation
    • refl                        < Reflexiv-Transformation
    • rez                         < Reziprok-Transformation
    • idiom                    < idiomatische Transformation

     

     

    Zeile 10

    dient noch einmal gesondert der genaueren Identifikation der satzhaften, den Kernsatz erweiternden Elemente INT(erjektion) und VOK(ativ), die auch schon in Zeilen 3-4 bezeichnet wurden. Sind sie klein geschrieben wie hier, drückt dies aus, dass sie in diesem konkreten Satz getilgt sind; andernfalls (wie z.B. in Ob 1,9a: „VOK (1,9aV 0 1)“) sind sie groß geschrieben.

    Zeilen 11-12:

    Ähnlich dienen Zeile 11-12 noch einmal zur genaueren Identifikation von Art und Funktion der Partikeln im Satz. In unserem Beispiel sind dies die beiden Konjunktionen zwischen Position (0) und (1) und ʾim zwischen Position (1) und (2): Die erste ist eine „konn(ektive Konjunktion)“, die andere eine „kon(ditionale Konjunktion)“.