Intern
Lehrstuhl für Kirchenrecht

Exkursion zum Themenfeld „Staat, Kirche und Politik" nach Berlin

21.09.2023

Vom 18.-21.09.2023 veranstaltete der Lehrstuhl für Kirchenrecht eine wissenschaftliche Exkursion zum Themenfeld „Staat, Kirche und Politik“ nach Berlin. Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie der Universität Bamberg nutzten diese Gelegenheit, um Vertreter/innen aus Politik und Kirche zu treffen und historisch bedeutende Orte zu erkunden. 

Die zweite Sitzungswoche des Deutschen Bundestages nach der Sommerpause führte eine Gruppe von 15 Exkursionsteilnehmer/innen in das spätsommerliche Berlin. Bei strahlendem Sonnenschein standen zahlreiche Themen aus dem Bereich „Staat, Kirche, Politik“ auf dem Programm. Die Themen waren breit gestreut und von hoher aktueller Relevanz.

Der erste Termin führte die Gruppe in das Kommissariat der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin. Empfangen wurden die Exkursionsteilnehmer/innen von Frau Dr. Gabriela Schneider, einer studierten Juristin mit Schwerpunkt Europapolitik, Landwirtschaftspolitik, Klima- und Nachhaltigkeitspolitik, die sich in lockerer, aber dichter Arbeitsatmosphäre den Fragen der Studierenden stellte. Sie beschrieb zunächst die Arbeitsweise des Katholischen Büros als Interessenvertretung der katholischen Kirche in der Politik und betonte, dass die katholische Kirche wie andere gesellschaftliche Akteure die Möglichkeit habe, bei der Verbändeanhörung im Gesetzgebungsverfahren eine Stellungnahme abzugeben. Frau Dr. Schneider erläuterte ihre Themen mit großer Sachkompetenz und Leidenschaft. In verschiedenen Bereichen wie der Bioethik sei die Position der Kirche gefragt, zeigte sich die Referentin überzeugt. Mehrfach verwies sie dabei auf die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus. Sie betonte aber auch, dass viele Themen äußert komplex seien wie z.B. die Genom-Editierung zur Entwicklung von Saatgut und daher eine fundierte und ausgewogene Argumentation erfordern.

Direkt im Anschluss stellte Gregor Engelbreth das Katholische Büro Berlin-Brandenburg vor, dessen Leiter er ist. Zunächst ging er auf die Gründung des katholischen Büros im Jahr 1991 ein. Anschließend kam er auf den Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg zu sprechen. In einer Stadt, in der etwa 8% der Bevölkerung der katholischen Kirche und ca. 13% einer evangelischen Kirche angehören, stellt dieser eine besondere Herausforderung dar. Jedoch soll nach den Plänen von CDU und in SPD in Berlin ab der siebten Klasse ein Wahlpflichtfach Weltanschauungen/Religionen als ordentliches Lehrfach eingeführt werden. Diskutiert wurde auch die Inschrift an der Kuppel des Berliner Schlosses, die aus zwei Bibelzitaten besteht und zuletzt im politischen Berlin für hitzige Diskussionen gesorgt hatte. Ein Ausblick auf den muslimischen Religionsunterricht rundete das Gespräch ab.

Nachfolgend besuchte man gemeinsam die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Mauerreste und Berichte von Zeitzeugen, die auf Tafeln und in Filmen festgehalten wurden, machten einen großen Eindruck auf die Reisenden. Die Geschichte der ehemals geteilten Stadt Berlin konnte so lebendig erfahrbar gemacht werden.

Der nächste Tag begann mit einem Besuch des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr. Militärdekan Dr. Dirck Ackermann, seit 2005 Leiter der theologischen Abteilung im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr, empfing die Exkursionsgruppe zum Gespräch. Mit viel Witz und trockenem Humor ging er zunächst auf die Geschichte der Militärseelsorge ein. Im Anschluss daran erläuterte er die Besonderheiten der Seelsorge in der Bundeswehr, die sich an alle Soldatinnen und Soldaten unabhängig von ihrer Konfession richte, wie der Referent hervorhob. Als Fazit kann gesagt werden, dass die Militärseelsorge, vom Staat gewünscht, ökumenisch ausgerichtet und international vernetzt ist und von den Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien geschätzt wird, die im Alltag und in Ausnahmesituationen begleitet werden.

Kurzfristige Terminverschiebungen führten dazu, dass einzelne Gesprächspartner/innen verhindert waren. Die Reisenden nutzen daher die Gelegenheit, um die Stadt Berlin und ihre Sehenswürdigkeiten näher zu erkunden. Eindruck machte die Madonna von Stalingrad, eine Kohlezeichnung, die von dem evangelischen Pastor und Arzt Kurt Reuber Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad angefertigt wurde. Diese wird in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche aufbewahrt, die in den Jahren 1891-1895 errichtet und im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde und heute zu den bekanntesten Wahrzeichen Berlins gehört.

Am späten Nachmittag fand eine Hausführung im Bundeskanzleramt statt. Besichtigt werden konnten unter anderem der Kabinettsaal, der Internationaler Konferenzraum und der Pressebereich. Die Geschichte des Hauses kann an der sogenannten Kanzlergalerie im ersten Stock des Bundeskanzleramtes miterlebt werden, wo alle bisherigen Bundeskanzler mit einem Gemälde verewigt sind.

Am dritten Tag stand als erstes eine Hausführung im Reichstag auf dem Programm. Erläutert wurde nicht nur die wechselhafte Geschichte des Gebäudes, sondern auch die Arbeitsweise des Deutschen Bundestages. Besichtigt werden konnten kyrillische Inschriften, die von Soldaten der Roten Armee im Jahr 1945 im Reichstagsgebäude hinterlassen wurden. Sehenswert war die Installation des französischen Künstlers Christian Boltanski, der im Untergeschoss das „Archiv der Deutschen Abgeordneten“ entworfen hat. Es handelt sich dabei um etwa 5000 Kästchen mit Namen der Abgeordneten, die zwischen 1919/1920 und 1999 den Reichstagen der Weimarer Republik und dem Deutschen Bundestag angehörten. Im Anschluss an die Führung stand ein Besuch der Reichstagskuppel auf dem Programm, die den Reisenden einen einmaligen Blick auf die Hauptstadt bot.

Im Anschluss daran wurde die Gruppe im Paul-Löbe-Haus von der Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger empfangen. Die Abgeordnete berichtete offen und engagiert von ihrer politischen Arbeit, die sich zum Beispiel für die Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens in Deutschland einsetzt. Nach einem kurzen Überblick über ihre Arbeit hatten die Studierenden die Möglichkeit, mit Frau Marlene Schönberger ins Gespräch zu kommen. Die Flugblatt-Affäre um Hubert Aiwanger war ebenso Thema wie Antisemitismus an Schulen oder der Umgang mit der sogenannten „Judensau“ am Regensburger Dom, wobei die Zeit kaum ausreichte, um alle Fragen zu beantworten.

Nach einer Mittagspause in der Bundestagskantine führte der Weg zur Apostolische Nuntiatur. Msgr. Jürgen Doetsch gab einen humorvollen und offenen Einblick in die Arbeit der Nuntiatur als ständige Vertretung des Papstes. Gesprochen wurde in diesem Zusammenhang unter anderem über die Ablösung der Staatsleistungen, die theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten oder die Ernennung neuer Bischöfe in Deutschland, die vom Nuntius dadurch vorbereitet wird, dass er Erkundigungen über geeignete Kandidaten für das Bischofsamt einholt. Im Anschluss an das Gespräch besuchte die Exkursionsgruppe die Hauskapelle, deren farbige Glasfenster von dem Künstler Wilhelm Buschulte gestaltet wurden.

Als fakultativer Programmpunkt war am frühen Abend eine Film- und Lichtprojektion im Parlamentsviertel vorgesehen. In beeindruckenden Bildern wurde die Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland und des Reichstagsgebäudes gezeigt.

Der letzte Tag der Reise führte die Gruppe zunächst zum Erzbischöflichen Ordinariat Berlin. Herr Mathias Bröckl und Frau Birgitt Korbmacher erläuterten aus der Perspektive der kirchlichen Schulverwaltung die rechtlichen Grundlagen, die Organisation und die Entwicklung des Religionsunterrichts im Erzbistum. Unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen in Vorpommern, Brandenburg und Berlin stellen eine große Herausforderung für den Religionsunterricht dar. In Vorpommern ist der Religionsunterricht Regelunterricht, der auch in der Kirchengemeinde erteilt werden kann. In Brandenburg kann das Fach LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) abgewählt werden, wenn das Fach Religionsunterricht belegt wird. In Berlin ist der Religionsunterricht kein ordentliches Fach, sondern ein Anmeldefach. Gefragt sind die katholischen Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Berlin, die zunehmend auch von muslimischen Schüler/innen besucht werden.

Als letzter Programmpunkt stand ein Besuch des Bundespräsidialamts auf dem Programm. Empfangen wurde die Gruppe von Herrn Michael Wohlrab, der im Bundespräsidialamt für Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig ist. Herr Wohlrab berichtete auf unterhaltsame Weise von seiner Arbeit. Er wirkt beispielsweise an der Vorbereitung von Terminen mit, die der Bundespräsident anlässlich kirchlicher Großveranstaltungen wahrnimmt. Außerdem beantwortet er im Auftrag des Bundespräsidenten die Zuschriften und Briefe der Bürgerinnen und Bürger, die das Feld der Religionen betreffen und informiert den Bundespräsidenten über die so zum Ausdruck kommende Stimmung in der Bevölkerung. Zusammenfassend betonte Herr Wohlrab, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in den beiden großen Kirchen wichtige und ernstzunehmende Partner sehe, die einen wesentlichen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten.

Im Anschluss an das Gespräch fand eine Führung durch das Schloss Bellevue statt. Besichtigt werden konnten die Innenräume ebenso wie die ausgedehnten Parkanlagen.

Durch die vielen Eindrücke bereichert machte sich die Gruppe auf den Rückweg und erreichte am späten Abend wohlbehalten den Würzburger Hauptbahnhof. Damit ging eine sowohl abwechslungsreiche als auch lehrreiche und anregende Exkursion zu Ende. Die vier Tage vergingen wie im Flug. So bleibt nur zu hoffen, dass es bald wieder heißt: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“.

Am Ende sei noch einmal allen gedankt, die zum Gelingen dieser Exkursion beigetragen haben. Der Dank gilt in erster Linie den Teilnehmer/innen, die durch ihr Interesse und Engagement die Reise erst möglich gemacht haben. Gedankt sei auch allen Gesprächspartner/innen, die uns eingeladen und ihre Zeit für Gespräche und Diskussionen geschenkt haben. Ein besonderer Dank geht an Frau Lingstädt, die die Reise organisiert und in Gedanken begleitet hat. Last but not least sei Prof. Dr. Martin Rehak für die Planung und Leitung der Reise gedankt.

Bild: Naomi Kroth/Simon Steinberger/Tobias Stümpfl

Text: Tobias Stümpfl

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