Rückblick: Theologie im Dialog – Liturgiewissenschaft der Universität Würzburg auf dem 104. Deutschen Katholikentag
27.07.2026Katholikentag 2026 in Würzburg: Liturgiewerkstätten und experimentelle Gottesdienste
Als der 104. Deutsche Katholikentag vom 13.-17. Mai 2026 erstmals seit mehr als einem Jahrhundert wieder nach Würzburg zurückkehrte, wurde die Stadt zu einem Ort theologischer Reflexion, kirchlicher Begegnung und liturgischer Erneuerung. Unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ (Mk 10,49) kamen mehrere Zehntausend Menschen zusammen, um über die Zukunft von Kirche und Gesellschaft nachzudenken.
Die Katholisch-Theologische Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg leistete hierzu mit einem vielfältigen Programm einen wesentlichen Beitrag. Besonders der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Stuflesser setzte in enger Zusammenarbeit mit Dr. Markus Münzel (Referat Verkündigung und Liturgie des Bistums Würzburg) mit den Liturgiewerkstätten und Werkstattgottesdiensten einen markanten Akzent und machte, dem Leitwort der Universität Würzburg „Wissenschaft für die Gesellschaft!“ folgend, deutlich, wie Liturgiewissenschaft unmittelbar in den pastoralen und gesellschaftlichen Dialog hineinwirken kann.
Dabei beschränkte sich der Beitrag der Fakultät nicht auf wissenschaftliche Vorträge. Vielmehr wurde ein Programm entwickelt, das theologische Forschung, kirchliche Praxis und die Erfahrungen der Teilnehmer*innen miteinander verband. In Werkstätten, Podiumsgesprächen und liturgischen Feiern wurden aktuelle Fragen der Liturgie, der Theologie und des kirchlichen Lebens gemeinsam reflektiert. Dieses dialogische Format entsprach dem Anliegen des Katholikentags, Theologie nicht nur zu vermitteln, sondern gemeinsam zu gestalten.
Ein besonderer Erfolg war die außerordentlich hohe Resonanz auf die liturgischen Angebote. Alle Liturgiewerkstätten waren mit jeweils rund 120 Teilnehmer*innen voll besetzt und stießen auf sehr großes Interesse. Teilweise – wie bei der Liturgiewerkstatt mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf – mussten fast noch einmal so viele interessierte Teilnehmer*innen des Katholikentags aus Gründen der begrenzten Raumkapazität abgewiesen werden.
Auch die experimentellen Werkstattgottesdienste gehörten zu den prägenden Veranstaltungen des Programms. Sie eröffneten Räume, in denen liturgische Praxis und wissenschaftliche Reflexion unmittelbar miteinander verbunden wurden und neue Formen des Feierns gemeinsam erprobt werden konnten. Dieses neue Konzept verband die theologischen Diskussionen unmittelbar mit den anschließenden liturgischen Feiern und machte deutlich, dass Liturgie nicht bei der theoretischen Reflexion stehen bleiben darf, sondern konkrete Wirkung im Leben der Kirche und ihrer Gemeinden entfalten muss.
Das Programm der Liturgiewerkstätten griff zentrale Herausforderungen auf, mit denen Ekklesiologie und Liturgie gegenwärtig konfrontiert sind. Diskutiert wurden die Leitungsverantwortung von Laien in der Liturgie, die Frage nach liturgischen Räumen für kleiner werdende Gottesdienstgemeinden, die Bedeutung der Schöpfungsthematik in der Liturgie unter dem Titel „Klimabedacht feiern?“, die pastoralen Konsequenzen größer werdender Pfarreien im Workshop „Wenn die Kirche nicht mehr im Dorf bleibt – (Liturgisch) heimatlos in Großgemeinden?“ sowie die Chancen und Grenzen digitaler Entwicklungen in „Liturgie 4.0 – Zielgruppengottesdienste mit KI und Social Media“. Gemeinsam zeigten diese Werkstätten, dass liturgische Fragen heute weit über die Gestaltung einzelner Gottesdienste hinausreichen und Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Kirchenentwicklung und Partizipation umfassen.
Die Werkstätten waren bewusst dialogisch angelegt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Mitarbeiter*innen aus dem pastoralen Dienst und die Teilnehmer*innen des Katholikentags selbst diskutierten gemeinsam aktuelle Fragestellungen und entwickelten Perspektiven für die liturgische Praxis. Gerade diese Verbindung von wissenschaftlicher Reflexion und praktischer Erfahrung machte den besonderen Charakter der Veranstaltungen aus und entsprach dem synodalen Grundgedanken des Katholikentags.
Ebenso innovativ waren die Werkstattgottesdienste, in denen liturgietheologische Fragestellungen nicht nur diskutiert, sondern im liturgischen Vollzug erprobt wurden. Der Gottesdienst „Getauft – und dann?“ stellte die gemeinsame Berufung aller Getauften und die liturgische Verantwortung der Laien in den Mittelpunkt. Mit „GreenUp – Gottesdienst mit Zukunft“ wurde die Verbindung von Schöpfungsverantwortung und liturgischem Feiern erfahrbar gemacht, wobei Rituale der Māori aus Neuseeland als liturgischer Impuls in die Feier einbezogen wurden. Der experimentelle Gottesdienst „Click & Pray“ unter der eindrucksvollen musikalischen Gestaltung von Luis Weiß („Kirchenraummusik“) setzte sich mit den Möglichkeiten digitaler Kommunikation und neuer liturgischer Ausdrucksformen auseinander. Diese Gottesdienste verstanden sich nicht als Alternativen zur liturgischen Tradition, sondern als theologisch reflektierte Experimentierräume, in denen aktuelle pastorale Fragen im Licht der liturgischen Tradition bearbeitet wurden.
Die Verbindung von Werkstatt und Gottesdienst stellte dabei eine Besonderheit des Würzburger Katholikentags dar. Die Themen der vorausgehenden Diskussionen wurden in den anschließenden liturgischen Feiern aufgegriffen und in rituelle Praxis übersetzt. Dadurch blieb die Auseinandersetzung nicht auf der Ebene theologischer Theorie stehen, sondern wurde im gemeinsamen Feiern erfahrbar. Liturgie wurde so selbst zum Ort theologischer Erkenntnis und pastoralen Lernens.
Gerade diese Verbindung von Forschung und Praxis kennzeichnet die Arbeit des Würzburger Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft. Liturgie wird hier nicht ausschließlich historisch oder systematisch untersucht, sondern zugleich in ihrer pastoralen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung reflektiert. Der Katholikentag bot dafür ein ideales Forum, weil wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar mit den Erfahrungen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, Ehrenamtlichen und Gläubigen ins Gespräch gebracht werden konnten.
Auch das übrige Programm der Katholisch-Theologischen Fakultät zeichnete sich durch einen ausgeprägt interdisziplinären Charakter aus. Fragen der ökologischen Verantwortung wurden gemeinsam von Liturgiewissenschaft und Christlicher Sozialethik behandelt, Diskussionen über Künstliche Intelligenz verbanden Theologie mit Bildungs- und Medienfragen, während Themen kirchlicher Macht und Verantwortung unterschiedliche theologische Disziplinen miteinander ins Gespräch brachten. Damit wurde deutlich, dass die Herausforderungen der Gegenwart nur im Zusammenwirken der theologischen Fächer angemessen beantwortet werden können.
Bemerkenswert war schließlich die Wahl des Formats der Werkstatt. Anders als klassische Vorträge lebt dieses Format von Beteiligung, Austausch und gemeinsamer Reflexion. Es entspricht damit einer synodalen Grundhaltung, in der Theologie nicht nur Wissen vermittelt, sondern Räume eröffnet, in denen Kirche gemeinsam lernt, fragt und Zukunft gestaltet. Gerade diese Offenheit machte die Veranstaltungen zu Orten intensiver Begegnung zwischen Universität, pastoraler Praxis und den Besucherinnen und Besuchern des Katholikentags.
Der Beitrag des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft zeigte eindrucksvoll, dass Liturgie weit mehr ist als die Feier bestehender Traditionen. Sie ist ein theologischer Lernort, an dem sich Fragen nach Schöpfungsverantwortung, Partizipation, Digitalisierung und kirchlicher Entwicklung konkret stellen und gemeinsam bearbeitet werden können. Die voll besetzten Liturgiewerkstätten und die gut besuchten Werkstattgottesdienste machten deutlich, dass das Interesse an einer wissenschaftlich fundierten und zugleich praxisnahen Liturgiewissenschaft groß ist.
Mit seinem Programm hat der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft – gemeinsam mit dem Referat Verkündigung und Liturgie des Bistums Würzburg – gezeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Universität und Diözese sein kann. Die Liturgiewerkstätten und Werkstattgottesdienste waren nicht nur ein erfolgreicher Beitrag zum Katholikentag, sondern auch ein überzeugendes Beispiel dafür, wie akademische Theologie, pastorale Erfahrung und liturgische Praxis einander bereichern können. Sie machten den Katholikentag zu einem Ort, an dem Liturgie nicht nur gefeiert, sondern zugleich reflektiert, weiterentwickelt und als lebendige Quelle kirchlicher Erneuerung erfahrbar wurde.
Für den nächsten Katholikentag, der für 2028 in Paderborn geplant ist, wäre zu wünschen, dass das Format der Liturgiewerkstätten, wie auch der experimentellen Gottesdienste auch dort eine Fortsetzung findet.
Joseph Grayland / Martin Stuflesser (07/2026)
