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Nachwuchsgruppe Ancient Antisemitism

Projekte

Das Projekt dient der Untersuchung, wie und auf welche Art antisemitische und antijüdische Vorwürfe – die ursprünglich in spezifischen historischen und kulturellen Kontexten der Antike entstanden – in der Moderne erneut erscheinen und jeweils in neuen lokalen und zeitlichen Zusammenhängen artikuliert werden. Im ersten Teilbereich werden die antiken Ursprünge sowie institutionellen Strukturen judenfeindlicher Haltungen analysiert. Der zweite Teil widmet sich der Frage, wie moderne Forschung die paganen wie auch die christlichen Traditionen der Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden miteinander verknüpft hat, als sich seit den 1870er Jahren überhaupt erst das Forschungsfeld „Antiker Antisemitismus“ herausbildete. So zeigt sich, dass verschiedene historische Traditionsstränge innerhalb des modernen Antisemitismus und der modernen altertumswissenschaftlichen Forschung zusammenlaufen – und dass diese bis heute das Verständnis von und den wissenschaftlichen Zugang zu „Antikem Antisemitismus“ prägen.

Projektleitung

Dr. A. Judith Göppinger

E-Mail: agnes.goeppinger@uni-wuerzburg.de

Projektlaufzeit: 2026-2031

Projektbeschreibung

Die Analyse und Kritik der Quellen bildet den Schwerpunkt des ersten Teils des Projekts. Dabei wird die Untersuchung nicht begrenzt auf eine erneute Bewertung des gut bekannten und intensiv erforschten Materials aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. Vielmehr soll eine veränderte Perspektive den Ausgangspunkt bilden: In Anlehnung an Sartres Einsicht – dass, wenn der Jude nicht existierte, der Antisemit ihn erfinden müsste – rücken nicht die Jüdinnen und Juden durch die Linse antisemitischer Aussagen ins Zentrum, sondern die Autoren selbst sowie die sozialen und politischen Kontexte, die solche Quellen hervorgebracht haben. Dabei treten Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlicher hervor, etwa die Distinktion zwischen Rom als Stadt und Rom als Imperium: überlieferte „offizielle“ Ausweisungen von Jüdinnen und Juden sind ausschließlich für die Stadt Rom belegt, nicht aber für das gesamte Reich oder bestimmte Teilgebiete. Eine solche Perspektivverschiebung ermöglicht die Identifikation einzelner Akteure, Traditionslinien und Transferprozesse, anhand derer pagane und frühchristliche judenfeindliche Motive zunehmend miteinander verschmolzen und den Weg zu klassischen christlichen antijüdischen Vorwürfen bereiteten. Die Dissertationsprojekte sind diesem ersten Teil des Projekts zugeordnet und konzentrieren sich ausschließlich auf die Antike.

Der zweite Projektteil, durchgeführt von der Leiterin der Forschungsgruppe, untersucht die Verwendung und Instrumentalisierung dieser antiken Quellen in der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte zwischen den 1870er Jahren und den 1920er Jahren. Durch die Berücksichtigung verschiedener altertumswissenschaftlicher Disziplinen und ihrer je spezifischen methodischen Ansätze geht das Projekt über eine bloße Sammlung von Beispielen antisemitischer Forschung hinaus. Es rekonstruiert die Netzwerke und methodischen Annahmen, durch die sich antisemitische Prämissen in der frühen Auseinandersetzung mit „Antikem Antisemitismus“ verankert haben. Eine systematische Herausarbeitung wiederkehrender Motive über verschiedene Fachtraditionen hinweg erlaubt es, ein vollständigeres und zugleich differenzierteres Bild des Antisemitismus in der Antike in der Version moderner Wissenschaft zu zeichnen – einschließlich seiner Wirkungsgeschichte bis in die moderneste Forschung und aktuelle Debatten. Ebenso werden die jüdischen Wissenschaftler und ihre Reaktion auf Ausschlussmechanismen innerhalb der (klassichen) Altertumswissenschaften untersucht. Die Entstehung der Wissenschaft des Judentums ist eng mit solchen zeitgenössischen Entwicklungen verknüpft, etwa mit der Weigerung, jüdische Geschichte in die etablierten althistorischen und klassisch-philologischen Fächer zu integrieren.