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    Lehrstuhl für Kirchenrecht

    Wissenschaftliche Fachtagung 2015

    Reform an Haupt und Gliedern - Impulse für eine Kirche „im Aufbruch“

    28.-30.09.2015 im Bistumshaus Schloss Hirschberg

     

    Tagungsbericht

    Bei der Planung der Fachtagung war noch nicht wirklich absehbar, wie aktuell und konkret das gewählte Thema der wissenschaftlichen Fachtagung im Herbst 2015 tatsächlich sein würde. Mit dem MP Mitis Iudex Dominus Jesus vom 15. August 2015, dem Schreiben an Erzbischof Fisichella vom 01. September 2015, ersten Reformschritten in der Kurie und weiteren, weniger formalen Impulsen und Initiativen hat Papst Franziskus aber dafür gesorgt, dass die mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer genügend Stoff zum Nachdenken und zum Diskutieren hatten.

    Bei mittlerweile schon fast sprichwörtlich sonnigem Hirschberg-Wetter waren Professorinnen und Professoren, Offiziale, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ordinariaten und Offizialaten, Studierende und weitere Interessierte im Bistumshaus Schloss Hirschberg zusammengekommen, um den Reformimpulsen von Papst Franziskus nachzugehen. Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Matthias Pulte, Mainz, ordnete P. Dr. Markus Graulich SDB, Untersekretär im Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte, die angekündigten und zum Teil bereits umgesetzten Reformen der Kurie in den geschichtlichen Zusammenhang ein. Die Kurie, so betonte er, sei ein Gebilde, das laufend Veränderungen und Erneuerungsprozessen unterliege. Insofern sei die aktuell eingeleitete Kurienreform nichts Einmaliges. Und auch wenn Franziskus die Menschen immer wieder auffordere Wirbel zu machen, so müsse es bei der Kurienreform doch wesentlich darum gehen, dass die Kurie immer besser ihren Auftrag erfüllen könne, den Papst und die Teilkirchen bei der Leitung der Kirche zu unterstützen.

    Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Freiburg, warf aus der Sicht der Christlichen Sozialwissenschaften einen nicht-kanonistischen Blick auf die neue Art von Franziskus, Papst zu sein. Diese sei stark mit davon bestimmt, dass er die spezifischen Erfahrungen seiner südamerikanischen Heimat in das Amt mit einbringe und so die Peripherie ins Zentrum hole. Mit dem von Franziskus vorgetragenen Anliegen der Schöpfungsökologie entwickle er zudem einen qualitativ neuen Schritt in der päpstlichen Sozialverkündigung. Prof. Dr. Matthias Pulte, Mainz, stellte in seinen nachfolgenden Ausführungen die Subsidiarität als Ordnungsprinzip der Kirche vor. Dieses von der Christlichen Soziallehre entwickelte und seitens der Kirche zunächst nur von den Staaten und der Gesellschaft eingeforderte Prinzip besitze nach Papst Pius XII. auch im Inneren der Kirche Geltung. Zumindest die praktische Umsetzung dieses Prinzips sei aber, wie Pulte anhand von konkreten Beispielen ausführte, auch im Pontifikat von Franziskus noch stark verbesserungsfähig.

    Den zweiten Tag eröffnete Prof. Dr. Christoph Ohly mit einem Vortrag über die Institution der Bischofssynode. Als ein Vollzug der bischöflichen Kollegialität sei dieses Beratungsorgan des Papstes für die Verfassung der Kirche unverzichtbar. Es habe durch Beratung Teil an der Leitung der Gesamtkirche und könne sich etwa als qualifizierte Vor- oder Zwischenstufe zu einem so genannten „Fernkonzil“ strukturell weiter entwickeln. Prof. Dr. Heribert Hallermann widmete sich in seinem anschließenden Vortrag dem Anliegen einer Dezentralisierung der kirchlichen Leitung, das Franziskus vor allem in seinem Schreiben Evangelii Gaudium vorgetragen hat. Die Bischofskonferenzen und die zu ihnen gehörenden Teilkirchen könnten sich demnach im Sinne der alten Patriarchatskirchen weiterentwickeln und bei Wahrung der katholischen Einheit zu einer größeren Vielfalt in der Lehre, der Liturgie und der Rechtsordnung führen. Dabei gehe es Franziskus aber nicht um eine Neuverteilung der Macht, sondern um die Befähigung der Kirche, das Evangelium und sich selbst besser in die verschiedenen gesellschaftlichen Kontexte zu inkulturieren.

    Offizial Dr. Stefan Rambacher, Würzburg, hatte die Aufgabe übernommen, über einen neuen Umgang mit gescheiterten Ehen zu referieren. Er berührte damit das Thema, das aufgrund der aktuellen Neuordnung des Eheprozessrechts unter Kanonisten am heftigsten umstritten ist. Die Einordnung der durch Franziskus verfügten Neuerungen in den Kontext diesbezüglicher Reformbestrebungen seit dem II. Vatikanischen Konzil sowie der Rückblick auf neutestamentliche Vorgaben und auf das Zeugnis der Väterzeit ging den aktuellen Fragen nicht aus dem Weg, sondern bereitete den Boden für eine engagierte und konstruktive Diskussion. Prof. Dr. Martin Stuflesser, Würzburg, unternahm es in seinem Vortrag, das Prinzip der Subsidiarität auf die Ordnung der Liturgie anzuwenden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diesbezüglich spätestens seit der Instruktion Liturgiam Authenticam dringender Reformbedarf besteht. Sein liturgiewissenschaftlicher Vortrag war ein gutes Beispiel dafür, wie fruchtbar angesichts der erforderlichen Reformen die Zusammenarbeit zwischen Liturgiewissenschaft und Kirchenrecht sein kann.

    Der Vormittag des dritten Tages war entschieden perspektivisch ausgerichtet. Unter dem Titel „Pastor Bonus, quo vadis?“ stellte Prof. P. Dr. Ulrich Rhode SJ, Rom, Perspektiven für die Weiterentwicklung der Rechtsnormen über die Römische Kurie vor. Weil die Sitzungsprotokolle des hierfür zuständigen Kardinalsrats nicht öffentlich, gleichzeitig aber die Mitglieder dieses Rates mitteilungsbedürftig sind, hat P. Rhode mit Akribie nicht nur die Literatur, sondern eine Vielzahl von Interviews ausgewertet und seine diesbezüglichen Erkenntnisse systematisch geordnet vorgetragen, so dass ein relativ klares Bild von den zu erwartenden Reformen entstehen konnte. Abschließend referierte Prof. Dr. Ulrich Hemel, Direktor des Instituts für Sozialstrategie, zum Thema Kirchenorganisation, Katholische Leadership und kirchliche Führungsstruktur. Dabei wurde in überzeugender Weise deutlich, dass die Erfahrungen aus der Unternehmensberatung einen wichtigen und hilfreichen Beitrag für die Reform der Kirche und insbesondere der Kurie leisten und zu deren Gelingen beitragen können.

    Auch wenn das Vortragsprogramm ambitioniert war, blieb zwischen und nach den Referaten jeweils genügend Zeit für Nachfragen und engagierte, teilweise auch kontroverse Diskussionen. Die Moderatorinnen hatten es nicht nur übernommen, die Referentinnen und Referenten kurz vorzustellen, sondern sie führten auch freundlich, aber bestimmt durch die Diskussionsrunden, so dass alle zu Wort kommen konnten. Die Studierenden, die sich auch schon in die Plenumsdiskussionen eingebracht hatten, hatten dazu am Abend des zweiten Tages eine besondere Gelegenheit: Im Rahmen eines nur für Studierenden zugänglichen Forums standen ihnen alle Referentinnen und Referenten in einer eigenen Gesprächsrunde Rede und Antwort. Prof. Dr. Thomas Meckel achtete dabei strikt auf die Einhaltung der Gesprächsregeln, so dass sich alle Studierenden mit ihren Fragen und Anmerkungen beteiligen konnten.

    Die Katholizität der wissenschaftlichen Fachtagung erwies sich aber nicht nur an ihrem Thema, sondern auch an der gastfreundlichen Atmosphäre des Bistumshauses mit seinen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, an dem gepflegten Essen, der gemeinsamen Feier der Eucharistie sowie dem abendlichen Austausch im Schlosskeller.

    Die Vorträge der Fachtagung werden, wie gewohnt, in einem Tagungsband dokumentiert, der wohl in der ersten Hälfte des kommenden Jahres erscheinen wird. Damit wird dann zeitlich schon die Brücke zur nächsten wissenschaftlichen Fachtagung geschlagen, die für den 04.-06.10.2017 in Schloss Hirschberg geplant ist.

    Prof. Dr. Heribert Hallermann

     

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