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    Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft

    Promotionskolleg: "Gottesdienst und Ethik"

    Drei Nachwuchswissenschaftlern wird die Möglichkeit gegeben, im Rahmen einer Promotion an der Universität Würzburg in Kooperation mit der dortigen Graduiertenschule für die Geisteswissenschaften das Projekt mit seinen verschiedenen Komponenten wissenschaftlich und organisatorisch zu begleiten. Studien, die Teilaspekte des wechselseitigen Verhältnisses von Liturgie und Ethik aus heutiger Perspektive angesichts der Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft unter Berücksichtigung des interreligiösen Dialogs kritisch sichten, stehen noch aus.[1] Vereinzelt finden sich im Bereich der Liturgiewissenschaft bereits Publikationen, die sich mit verwandten Fragestellungen beschäftigen.[2] Untersucht wurden dabei vor allem liturgiehistorische und liturgiepraktische Aspekte. In den wissenschaftlichen Studien[3], die die ethische Dimension des Gottesdienstes untersuchen, ist aus theologischer Sicht zunächst die Tatsache zu berücksichtigen, dass ein Großteil gottesdienstlicher Texte euchologischer Natur ist: Es handelt sich um Gebete. Gott als primärer Adressat dieser Gebete wird aufgefordert, etwas zu tun. Die entsprechende „Wirkung“ der Texte liegt somit nach theologischem Verständnis primär im Bereich des Handelns Gottes. Freilich hat die jeweilige liturgische Versammlung, die ja die Gebetstexte rezipiert, ebenfalls als Adressat zu gelten, sodass die Textfunktion von Gebeten auch im Blick auf diese zu analysieren ist. Um Gottesdienste auf ihre ethische Relevanz hin zu untersuchen, ist das liturgische Material zunächst auf verbaler und nonverbaler Ebene nach handlungs- bzw. lebensleitenden Elementen zu befragen. Dazu müssen die formalen Prinzipien und die Funktionsweisen dieser Elemente ermittelt werden. Gegebenenfalls ist anhand dieser Beobachtungen eine formale Kriteriologie zu entwickeln.[4]


    Anmerkungen:

    [1] Vgl. hierzu die grundlegende Publikation von: Anderson, Byron E./Morrill, Bruce. (Hg.) Liturgy and the Moral Self. Humanity at Full Stretch before God. Collegeville (USA) 1998. McKenna, Megan. Rites of Justice. New York 2005.

    [2] Vgl. Hierzu etwa: Liturgical Foundations of Social Policy in the Catholic and Jewish Traditions. Ed. by D.E. Polish – E. J. Fischer. Notre Dame 1983. Sowie grundlegend: Liturgie, éthique et peuple de Dieu. Conférences Saint-Serge. XXXVIIe semaine d’études liturgiques. Paris, 26-29 juin 1990. A cura die A.M. Triacca – A. Pistoia. Roma 1991. Sowie: Stuflesser, Martin. Die Eucharistie als Opfer im Spannungsfeld von lex orandi – lex credendi – lex agendi. In: Liturgisches Jahrbuch 50 (2000) 75-89. Wannenwetsch, Bernd. Gottesdienst als Lebensform – Ethik für Christenbürger. Stuttgart 1997. Kranemann, Benedikt. Feier des Glaubens und soziales Handeln. Überlegungen zu einer vernachlässigten Dimension christlicher Theologie. In: LJ 48 (1998) 203-221. Kranemann, Benedikt/Sternberg, Thomas/Zahner, Walter (Hg.): Die diakonale Dimension der Liturgie. Freiburg 2006. Vgl. aus philosophischer Perspektive die Ausführungen von: Schärtl, Thomas J. Grace as a Form of Life: An Essay on the Interference of Liturgy and Ethics. In: „Ahme nach, was du vollziehst.“ Positionsbestimmungen zum Verhältnis von Liturgie und Ethik, hg. v. Martin Stuflesser/Stephan Winter (StPaLi 22), Regensburg 2009, hier 51-72. Siehe auch: Lucas Chan: As West Meets East: Reading Xunzi’s “A Discussion of Rites” – Through the Lens of Contemporary Western Ritual Theories. In: ebd. 101-120. Allgemein vgl. Richter, Klemens. Soziales Handeln und liturgisches Tun. Das Beispiel des Leipziger Oratoriums. In: Liturgisches Jahrbuch 31 (1981) 65-78. Sowie: Wannenwetsch, Bernd. Die ethische Dimension des Gottesdienstes. In: Klöckener, M. (Hg. u.a.) Theologie des Gottesdienstes. (Handbuch der Liturgiewissenschaft. Gottesdienst der Kirche 2.2.) Regensburg 2008, 359-402. Zum Zusammenhang von Liturgie und diakonalem Tun im Kontext außereuropäischen Kulturen vgl.: Feichtinger, Barbara. Liturgie und soziales Handeln. Afrikanische Praxis als Inspiration. Stuttgart 2008.

    [3] Für die Forschungsarbeiten im Rahmen des Projektes ist eine Erweiterung des klassischen Methodenkanons der Liturgiewissenschaft unvermeidlich. Die Liturgiewissenschaft arbeitet üblicherweise historisch, systematisch-theologisch sowie pastoral-praktisch. Sie untersucht die Entstehung und Entwicklung liturgischer Texte, bereitet sie philologisch auf, unterzieht sie einer systematischen Reflexion und entwickelt konkrete pastoral- und liturgiepraktische Perspektiven. In jüngster Zeit wurde vor allem die praktisch-theologische Verortung des Fachs zum Gegenstand vertiefter Diskussionen. Angesichts der interdisziplinären Ausrichtung des Projekts bietet sich die Verwendung einer Reihe von Hilfswissenschaften an. Zur Analyse und zum Vergleich des liturgischen Materials lässt sich beispielsweise das Instrumentarium von Textpragmatik und Semiotik heranziehen (wie „wirken“ Texte, wenn sie gebetet, gesprochen, vorgetragen werden?). Dort, wo es um die historische Entwicklung ritueller Formen geht, wo die Wirkungsgeschichte bestimmter ritueller Elemente behandelt wird, oder wenn gesellschaftliche und politische Zusammenhänge in den Blick genommen werden sollen, sind die Methoden der Geschichtswissenschaft anzuwenden. Im Bereich der Liturgiewissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren zudem ein Dialog mit den Humanwissenschaften ergeben, der insbesondere die Beschaffenheit symbolischer und ritueller Erfahrung reflektiert. Zu nennen wären hier etwa Arbeiten aus dem Bereich der Psychologie, Soziologie und weiterer Ansätze humanwissenschaftlicher Provenienz. Aus den in diesem Bereich entstandenen Arbeiten können gegebenenfalls Anregungen für das methodische Vorgehen gewonnen werden. Auch die Verwendung sozialwissenschaftlicher oder ethnographischer Methoden ist denkbar.

    [4] In den Forschungsarbeiten können Übereinstimmungen, aber auch Dissonanzen zwischen dem konkreten Vollzug eines Rituals und seinem Gegenstand untersucht werden: Wo existieren Widersprüche zwischen dem, was rituell begangen wird und der Art, wie es rituell begangen wird? In Bezug auf das im Christentum grundlegende Postulat der Gerechtigkeit ist beispielsweise zu fragen, welche Rolle soziale Hierarchien im christlichen Gottesdienst spielen. Kommt es hier regelmäßig zu performativen Selbstwidersprüchen? Welchen Einfluss haben solche Selbstwidersprüche auf die Teilnehmer des Rituals? Auf historischer Ebene ist etwa nach den ethischen Implikationen liturgischer Inkulturationsprozesse zu fragen. Was bedeutet es, wenn eine Religion mit ihren rituellen Vollzügen sich unter neuen kulturellen Rahmenbedingungen weiterentwickelt – sei es bei der Verbreitung des Christentums in Südamerika oder bei der Entstehung islamischer Gemeinschaften im Europa des 21. Jahrhunderts? In soziologischer und politologischer Perspektive ist die Bedeutung von Ritualen für Politik und Öffentlichkeit in einer Gesellschaft zu reflektieren. Welche sozialen Funktionen erfüllen religiöse Rituale? Wo wirken sie beispielsweise integrierend, wo führen sie zu Segregation? Von welchen gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen sind religiöse Rituale geprägt und wie reproduzieren sie diese? Inwiefern sind Gesellschaften oder soziale Gruppen ihrerseits von solchen Ritualen beeinflusst?