„Ungläubiges Staunen“: Bestsellerautor Navid Kermani sprach in Regensburg über die Schönheit christlicher Kunst

 

 

 

 

Professor Erich Garhammer (Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg) und Navid Kermani sprechen über El Grecos „Christi Abschied von seiner Mutter“ (ca. 1578-1580).

Es war mit Sicherheit einer der ersten großen kulturellen Höhepunkte des noch jungen Jahres 2016: Die Lesung des Bestsellerautors und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani in der Regensburger Dreieinigkeitskirche. Dementsprechend groß war auch der Andrang: Über 1.000 Interessierte machten sich am Mittwochabend auf den Weg zur Veranstaltung in der Kirche am Ölberg, die durch eine große Allianz von Kooperationspartnern wie zum Beispiel der Buchhandlung Pustet, dem Kulturamt der Stadt Regensburg, dem Mentorat des Bistums Regensburg sowie der Staatlichen Bibliothek Regensburg ermöglicht wurde.

Navid Kermani: „Christliche Kunst ist sinnliche Kunst!“

Im Gepäck hatte Navid Kermani seinen gegenwärtigen Bestseller „Ungläubiges Staunen“ – ein Buch, in welchem sich der habilitierte Orientalist und gläubige Muslim in die christliche Kunst- und Bilderwelt versenkt. Kermani betrachtet darin Werke alter Meister wie Botticelli oder Rembrandt, aber auch – wie bei der Lesung in der Dreieinigkeitskirche - El Greco, Caravaggio, Giotto oder das vieldiskutierte Fenster von Gerhard Richter im Dom zu Köln, Kermanis Wohnort. Die von ihm besprochenen Kunstwerke wurden hierfür mit einem Beamer auf eine Leinwand im Altarraum der Dreieinigkeitskirche gebannt.

Für die Regensburger Zuhörer wurde schnell klar, dass Navid Kermani hinter dem Christentum und seiner Kunst keine langweilige oder angestaubte Religion vermutet, sondern vielmehr in diesem eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Erotik, Menschlichkeit und Göttlichkeit erkennt: Ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung seiner Ansicht nach selbst viel zu selten sprechen. Und das laut Kermani oftmals darin Gefahr läuft, sich selbst auf ein „theoretisches Gedankengebäude“ oder eine „ethisch-moralische Lehre“ (Kermani) zu reduzieren. Gerade den Katholizismus lobte der Autor, vermutlich zur Überraschung vieler Zuhörer, als „zutiefst erotische und sinnenfrohe Religion“.

Ein Aufenthalt in Rom und die Folgen

Der Wunsch, sich in einem Buch mit christlicher Kunst auseinanderzusetzen, kam ihm, wie er im Gespräch mit Professor Erich Garhammer, dem Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, darlegte, 2008 bei einem längeren Besuch in der Villa Massimo in Rom. Er nutzte seinen dortigen Aufenthalt, um sich intensiv mit der reichhaltig vorhandenen christlichen Kunst in der Ewigen Stadt auseinanderzusetzen  Für ihn, der, wie er humorvoll anmerkte, als Muslim und Einwohner der pietistisch geprägten Stadt Siegen in Nordrhein-Westfalen gewissermaßen „doppelt bilderlos“ aufgewachsen sei, war die Zeit in Rom eine prägende Erfahrung.

Von Beginn an sei ihm außerdem bei diesem Vorhaben klargewesen, dass er weder als Theologe oder aus konfessioneller Sicht noch als „Museumsbesucher“ oder „Kunstexperte“ sich den von ihm besprochenen Künstlern und Bildern nähern könne - sondern ausschließlich durch die Brille des naiv-neugierigen Schriftstellers. „Meditationen von Meditationen“ nennt er seinen Zugang zur christlichen Kunst bescheiden, wohlwissend dass auch die von ihm betrachteten Bilder selbst bereits Interpretationen christlicher Motive seien. Und so betrachtet er in El Grecos „Christi Abschied von seiner Mutter“ (ca. 1578-1580) das Portrait zweier Liebender, in Caravaggios „Opferung des Isaak“ (ca. 1603)  im abgebildeten Abraham einen kleinkrämerisch-<wbr />unreflektierten und zur Grausamkeit tendierenden „Hausmeister des Glaubens“ (Kermani), den nur Gott selbst davon abhalten könne den eigenen Sohn umzubringen oder in Giottos „Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte“ (ca. 1305) eine Meditation über das nicht immer einfache Ehe- und Familiendasein.

Erfrischender Perspektivwechsel

Die Zuhörer lauschten den Worten Kermanis während seiner Lesung und im Gespräch mit Professor Garhammer gebannt. Seine poetische Sicht auf den christlichen Glauben und dessen Kunst faszinierte -  und vielleicht inspirierte er mit seinem speziellen Blick auf das Christentum viele Anwesende dazu, die eigene Religion einmal mit anderen Augen zu sehen.

Der Autor

Navid Kermani, geb. 1967, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. 2015 erhielt Navid Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und rief bei seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche die Anwesenden zu einem Gebet für die Menschen in Syrien und im Irak auf.

Hinweis

Navid Kermani: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“, 10. Auflage 2016 (erscheint am 5. Februar 2016), 303 S.: mit 49 farbigen Abbildungen, gebunden. (C.H. Beck)  ISBN 978-3-406-68337-4

 

 

Prof. Garhammer referiert bei den biblischen Tagen in der Karwoche 2016 zum Thema der Erste Korintherbrief an der Kath. Akademie in Bayern.

Weitere Informationen finden Sie Initiates file downloadhier.

 

 

Prof. Garhammer stellt das neue Buch des Friedenspreisträgers des deutschen Buchhandels Navid Kermani in Regensburg vor:

Die Wörter „Opfer, Klage, Wunder, Leid“ gehören seit je zum religiösen Sprachschatz, sind heute aber eher peinlich geworden.

Was geschieht, wenn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der selbst ein Muslim ist, sich in die christliche Bildwelt versenkt?

Navid Kermani sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich: ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen.
Es ist ein Wagnis: Mit einer geradezu kindlichen Neugier steht Navid Kermani vor den großen und vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. Seine Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück.

Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus. Er lehrt uns, in den Bildern alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt auch die Fragen unserer heutigen Existenz zu erkennen – mit klarem Blick für die wesentlichen Details und die untergründigen Bezüge auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur, zum mystischen Islam und selbst zur modernen Heilgymnastik.

Seine poetische Schule des Sehens macht süchtig: süchtig nach diesem speziellen Blick auf das Christentum und sehnsüchtig danach, selbst so sehen zu können.

 

Navid Kermani, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2015, liest am 03. Februar 2016 um 19 Uhr in der Dreieinigkeitskirche in Regensburg aus seinem neuen Buch.

„Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“

 

Einführung und Moderation Prof. Dr. Erich Garhammer (Universität Würzburg)

 

Navid Kermani erhält Friedenspreis 2015

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den deutschen Orientalisten, Schriftsteller und Essayisten Navid Kermani zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. Das gab Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zur Eröffnung der Buchtage Berlin 2015 bekannt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 18. Oktober 2015, in der Paulskirche statt und wird live im ZDF übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.