DFG-Projekt
Ziel des Gesamtprojekts ist es, die drei bedeutendsten Dekretsummen der frühen Kanonistik des 12. Jahrhunderts in England und Frankreich, abgefasst 1186/1190, der Forschung als Quellen zur Verfügung zu stellen: zwei Werke des Magisters Honorius von Kent, die Dekretsumme De iure canonico tractaturus und die Quaestionensumme De questionibus decretalibus tractaturi, sowie die anonyme Summe Omnis qui iuste iudicat, die sog. Summa Lipsiensis.
Begonnen von Rudolf Weigand wird das Projekt nun universitätsübergreifend von den Münchner Professoren Stephan Haering und Peter Landau und dem Würzburger Professor Heribert Hallermann fortgeführt.
Die zu edierenden Werke gehören zu den wichtigsten Produkten der französischen und anglo-normannischen Schule der Kanonisten, die im 12. Jahrhundert neben Rechtsschulen in der Provence und des Rheinlandes am Anfang der Geschichte der Rechtswissenschaft außerhalb Italiens stehen. Sie hatten für die europäische Rechtsentwicklung zentrale Bedeutung. Die Erforschung der anglo-normannischen Schule erfolgte besonders durch Stephan Kuttner (1907–1996), Gérard Fransen (1915–1995) und Rudolf Weigand (1929–1998). Inzwischen konnte Peter Landau den wenig bekannten Kanonisten Rodoicus Modicipassus als Autor der Summa Lipsiensis nachweisen.
Geplant sind Bände im Umfang von jeweils ca. 500 Seiten. Jeder Band enthält ein Vorwort mit einer Zusammenfassung in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch, die Beschreibung derjenigen Handschriften, die den Text des jeweiligen Bandes überliefern, Abbildungen der Handschriften sowie die auf den Text des jeweiligen Bandes bezogenen Indices (Bibel, Dekret des Burchard von Worms, Dekret Gratians, Extravaganten, Römisches Recht, Siglen, Glossen). Die Indices zum Gesamtwerk erscheinen zeitgleich mit dem jeweils letzten Textband. Die Editionen erscheinen in den Monumenta Iuris Canonici, Series A.
Erschienen sind 2004 die Pars Prima mit Causa 1 der Dekretsumme des Honorius (Magistri Honorii Summa ‘De iure canonico tractaturus’, Tom. I, edd. R. Weigand †, P. Landau, W. Kozur, adll. S. Haering, K. Miethaner-Vent, M. Petzolt, (MIC, Ser. A, Vol. 5) Città del Vaticano 2004), 2007 die Pars Prima der Summa Lipsiensis (Summa ‘Omnis qui iuste iudicat’ sive Lipsiensis, Tom. I, edd. R. Weigand †, P. Landau, W. Kozur, adll. S. Haering, K. Miethaner-Vent, M. Petzolt (MIC, Ser. A, Vol. 7/I), Città del Vaticano 2007); die Pars Secunda mit Causae 2-36 der Dekretsumme des Honorius (Magistri Honorii Summa ‘De iure canonico tractaturus’, Tom. II, edd. R. Weigand †, P. Landau, W. Kozur, adll. S. Haering, H. Hallermann, K. Miethaner-Vent, M. Petzolt, (MIC, Ser. A, Vol. 5) Città del Vaticano 2010) sowie Dekretsumme des Honorius, Indices-Band (Magistri Honorii Summa ‘De iure canonico tractaturus’, Tom. III, edd. R. Weigand †, P. Landau, W. Kozur, adll. S. Haering, H. Hallermann, K. Miethaner-Vent, M. Petzolt, (MIC, Ser. A, Vol. 5) Città del Vaticano 2010).
Mit dem Erscheinen der Quaestionensumme De questionibus decretalibus tractaturi des Honorius, eines Rechtslehrers, dem K. W. Nörr bescheinigt, der scharfsinnigste Vertreter der kunstfertigen anglo-normannischen Schule zu sein, ist dann das Gesamtwerk des Honorius publiziert.
Die Edition der drei Werke wird insgesamt zehn Bände umfassen: Den oben genannten Bänden folgen die Quaestionensumme des Honorius in zwei Bänden (Text- und Indices-Band) und weitere vier Bände der Summa Lipsiensis.
Am 24.03.2010 haben während der großen Mittwochsaudienz von Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz Professor Dr. Dr. h.c. mult. Peter Landau (Universität München), Präsident des Stephan-Kuttner-Institute of Medieval Canon Law, München, und Frau Dr. Waltraud Kozur (Universität Würzburg) dem Heiligen Vater persönlich ein Exemplar der Dekretsumme De iure canonico tractaturus des Magister Honorius und ein Exemplar der sog. Summa Lipsiensis Omnis qui iuste iudica, überreichen können, zwei Bände der erstmals gedruckten Hauptwerke des mittelalterlichen kanonischen Rechts aus dem 12. Jahrhundert. Es handelt sich um zwei Summen zum Decretum Gratiani, die in der bisher nur wenig erforschten Kanonistik Englands und Frankreichs entstanden sind.
Die Werke sind von der Vatikanischen Bibliothek in der von dieser betreuten Serie der Monumenta Iuris Canonici ediert worden. Mit den hiermit erstmals erschlossenen Texten kann jetzt belegt werden, dass das mittelalterliche kanonische Recht neben dem römischen Recht die Grundlagen für eine gemeinsame europäische Rechtskultur gelegt hat. Zu diesen Grundlagen gehört außer vielem anderen auch das Prinzip Quod omnes tangit, ab omnibus approbetur’ (Was alle betrifft, muss von allen gebilligt werden); damit ist eine der Grundlagen für die moderne Demokratie definiert.
Papst Benedikt XVI. zeigte reges Interesse, vor allem an der Unterscheidung von potestas ordinis und potestas iurisdictionis in der Kirche, die zum ersten Mal in der Summa Lipsiensis formuliert wurde.
Mit der Herausgabe der Monumenta Iuris Canonici leistet die Vatikanische Bibliothek einen unverzichtbaren Beitrag zur Erschließung von Hauptwerken der europäischen Rechtsgeschichte und damit zur Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Rechts. Die Herausgeber sind der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die das große Editionsunternehmen über viele Jahre seit den Zeiten des unvergessenen Rudolf Weigand kontinuierlich gefördert hat, zu tiefem Dank verpflichtet, nicht zuletzt auch für die Fortsetzung der Unterstützung während der nächsten Jahre.
Peter Landau und Waltraud Kozur


