Leben aus der Katzenperspektive


Thomas Hürlimann (rechts) und Professor Erich Garhammer (Foto: A. Schilling)

Thomas Hürlimann zu Gast beim Sonntagsdialog - Schweizer Literat las aus „Der große Kater“

(asc) Am Sonntag, den 17. Juni, luden der Würzburger Lehrstuhl für Pastoraltheologie und das Exerzitienhaus Himmelspforten wieder zum Sonntagsdialog ein. Im gut besuchten Burkardussaal des Bildungshauses der Diözese fanden sich knapp 70 Literaturinteressierte ein, um der Lesung des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann zu lauschen und danach ins Gespräch mit ihm zu kommen.

Der Lesung ging in guter Tradition ein Gottesdienst in der Kapelle des Exerzitienhauses voraus. In seiner Predigt bezog sich Erich Garhammer, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg, auf das Gleichnis vom Samenkorn. In seine Auslegung bezog er einen Text von Thomas Hürlimann und Martin Walser ein.

In der anschließenden Lesung trug Thomas Hürlimann, der 1950 im schweizerischen Zug geboren wurde, einige Textpassagen aus noch unveröffentlichten Werken vor sowie eine Schlüsselstelle aus seinem Roman „Der große Kater“, der 2010 mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt wurde. Die einzelnen Leseabschnitte ergänzte Hürlimann immer wieder mit Hinweisen auf seine drei Hauptmotive: Tod und Sterben, seine katholische Sozialisation sowie die Bedeutung von Katzen in seinem Leben.

Er sei geprägt vom frühen Tod seines Bruders Matthias, so Hürlimann, und wolle die Welt mit seinen Augen betrachten – was schließlich zu seiner Erzählung „Die Tessinerin“ geführt habe. Ebenso habe ihn die katholische Erziehung im Klosterstift Einsiedeln geprägt – „mit Kutten und frühem Aufstehen“ –, wobei für ihn katholisch nicht mit Uniformität gleichzusetzen sei, sondern vielmehr für das Plurale stehe. Schon Gabriel Marcel habe den Ausspruch getan: „Wenn wir sagen ‚Wir Katholiken’, sind wir schon nicht mehr katholisch.“ Nicht zuletzt sei er geprägt von der Erfahrung mit Katzen (vgl. die persönlich gefärbte Geschichte von Katz/Seidenkatz in „40 Rosen“). Er sei Besitzer einer ihm zugelaufenen Katze und habe sich einmal katzengleich durch den Garten bewegt – auf die stirnrunzelnde Frage seines Nachbarn, was er denn da tue, habe er schlicht geantwortet: „Ich bin Schriftsteller und arbeite.“ Die Katze sei für ihn die personifizierte Freiheit, so der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Hürlimann, sie stehe für Vitalität und für eine andere Sichtweise auf die Wirklichkeit.

Daß der Sohn des früheren Schweizer Bundesrates Hans Hürlimann den Geschichtenkosmos des chassidischen Judentums als Grundlage für sein Schaffen sieht, kam bei seinem munteren Erzählstil, der mehr als einmal die Lacher auf seine Seite zog, ebenfalls zum Vorschein. Als Beispiel dafür sei auf die Geschichte des alten Vestiaribruders in „Die Satellitenstadt“ verwiesen, der trotz erheblicher Gicht wie ein Tänzer auf den Altar kletterte, um der Madonnenfigur das jeweils liturgisch passende Gewand anzuziehen. Diese Gewänder waren sehr kostbar und immer nach der letzten Mode ausgerichtet – so dass die Frauen von überall her gewallt kamen, um sich anhand der Madonna über die neuesten Stoffe und Schnitte zu informieren.

Einige weitere Ausführungen zu seiner persönlichen Prägung, zu seinen Motiven und seinem Erzählstil rundeten den Dialog mit Thomas Hürlimann ab, den der Literat mit der heiteren Geschichte „Der Tunnel“ beschloss. Beim anschließenden kulinarischen Abschluss bestand für die TeilnehmerInnen Gelegenheit zu weiteren Gesprächen mit dem Autor.

01.08.2012, 11:30 Uhr