Von der Trennung zur Einheit?


Neueste Publikation der Reihe „Würzburger Theologie“ bietet wichtige Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte um die Pius-Bruderschaft

Seit einigen Jahren stoßen die Vorgänge um die Pius-Bruderschaft auf breite Aufmerksamkeit. Jetzt stehen offenkundig Entscheidungen an. Eine eben erschienene Publikation der Würzburger Theologie bietet zu diesen komplexen Vorgängen wichtige Hintergrundinformationen.

Anfang 2009 hatte der Vatikan die Exkommunikation gegen vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft aufgehoben. Bald danach lösten Äußerungen Richard Williamsons, eines der vier Bischöfe, in denen dieser den Holocaust leugnete, weltweit Empörung aus. Ende 2009 wurden dann offizielle Lehrgespräche zwischen der Römischen Glaubenskongregation und der Pius-Bruderschaft aufgenommen. Nun scheinen weitere Entscheidungen bevorzustehen.

Nach dem vorläufigen Abschluss der Lehrgespräche, bei denen der Pius-Bruderschaft eine so genannte dogmatische Präambel zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, und einem anschließenden Treffen der Verantwortlichen der Bruderschaft Anfang Oktober wurde vor wenigen Tagen am 3. November vom britischen Distriktoberen der Bruderschaft die Meldung lanciert, dass die Präambel inakzeptabel sei und deshalb nicht unterschrieben werde. Diese Meldung wurde zwar als nicht autorisiert zurückgezogen, das Generalhaus der Bruderschaft hat jedoch den Inhalt der Meldung nicht dementiert. Insofern steht jetzt möglicherweise die Frage an, ob Rom die Pius-Bruderschaft für schismatisch erklären muss.

In diesen aktuellen Kontext hinein erscheint unter dem Titel „Von der Trennung zur Einheit. Das Bemühen um die Pius-Bruderschaft“ der siebte Band der Reihe „Würzburger Theologie“. Er nimmt Bezug auf die gleichnamige wissenschaftliche Fachtagung, die vom Lehrstuhl für Kirchenrecht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg vom 4. bis 6. Oktober 2010 im Bistumshaus der Diözese Eichstätt Schloss Hirschberg durchgeführt wurde. Das Buch versammelt in seinem ersten Teil die Beiträge, die bei der Tagung in Vorträgen vorgestellt wurden und die Anlass zu intensiven und weiterführenden Gesprächen gaben. Aus diesen Diskussionen sind weitere Beiträge entstanden, die die Tagung in gewisser Weise fortführen und im zweiten Teil dieses Bandes versammelt sind.

Das 344 Seiten umfassende, im Echter-Verlag erschienene Werk ist angesichts der jüngsten Entwicklungen hoch aktuell. Er bietet fundierte und verlässliche Hintergrundinformationen zu einem Vorgang, der möglicherweise in diesen Wochen zu einem – wenigstens vorläufigen – Abschluss kommen dürfte.

Zu den Beiträgen im Einzelnen:

Zunächst zeichnet Stephan Haering, München, in seinem Beitrag „Auf dem Weg zur Exkommunikation“ die Stationen des Konflikts zwischen Rom und der Pius-Bruderschaft nach. Dieser findet seine tieferen Wurzeln in der Biographie Lefebvres und in dessen gedanklicher Nähe zu den Ideen der Action française: Lefebvre lehnt das Konzil mit der Begründung ab, dass es den zentralen Ideen der Französischen Revolution in der Kirche Geltung verschafft habe, nämlich der Freiheit (Religionsfreiheit), der Gleichheit (Kollegialität der Bischöfe) und der Brüderlichkeit (christlicher Ökumenismus, Dialog mit nichtchristlichen Religionen).

Markus Graulich, Rom, schließt daran an und verfolgt unter der Fragestellung „Von der Exkommunikation zur Communio?“ den Weg des Dialogs zwischen dem Vatikan und der Pius-Bruderschaft. Trotz eines weitgehenden Entgegenkommens insbesondere von Seiten Papst Benedikt XVI. ist beim derzeitigen Stand des Dialoges noch nicht abzuschätzen, ob dieser von Erfolg gekrönt sein wird. In diesem Fall stünde jedenfalls für die Wiedereingliederung der Pius-Bruderschaft in die volle Communio ein entsprechendes kirchenrechtliches Instrumentarium bereit.

Im Anschluss daran geht Wolfgang Klausnitzer, Würzburg, dem Thema „Der Papst als Garant der Einheit“ nach und skizziert damit eine zentrale Aufgabe des Petrusdienstes, an deren Verwirklichung sich jedoch die ganze Kirche beteiligen muss. Vernehmlich wird die Anfrage des Fundamentaltheologen an die Kirchenrechtswissenschaft formuliert, ob und wie sich die Einbindung des Papstes und seines Einheitsdienstes kirchenrechtlich konzipieren lässt.

Bernd Dennemarck, Benediktbeuern, geht in seinem Beitrag „Die Anhänger der Pius-Bruderschaft – rechtliche Probleme“ den vielfältigen praktischen rechtlichen Problemen nach, die sich aus der Zugehörigkeit von Gläubigen zu einer schismatischen Gemeinschaft ergeben, die auf dem Weg ist, sich zu einer getrennten kirchlichen Gemeinschaft zu entwickeln.

In der Auseinandersetzung mit der Pius-Bruderschaft kommt der Feier der Liturgie, namentlich der Eucharistie, zentrale Bedeutung zu. Eine Liturgie, die sich nicht nur als äußerer Vollzug scheinbar zeitloser Riten versteht und auf deren bloße Ästhetisierung zielt, sondern die gefeierte Ausdrucksform des ekklesiologischen Selbstverständnisses der Kirche sein will, stellt aufgrund ihrer Feierform zentrale theologische Fragen. Jürgen Bärsch, Eichstätt, legt diese Zusammenhänge in seinem Beitrag „Populo congregato. Die Feier der Liturgie als Ausdrucksform der Ekklesiologie“ dar und setzt damit hinter die verbreitete Harmlosigkeit gegenüber der so genannten „Tridentinischen Messe“ ein deutliches Fragezeichen.

Wilhelm Rees, Innsbruck, erwägt „Strafrechtliche Aspekte im Blick auf die Priesterbruderschaft St. Pius X. mit besonderem Blick auf die Aufhebung der Exkommunikation“. Aufgrund der bekannten Fakten kann die Aufhebung der Exkommunikation für Bischöfe der Pius-Bruderschaft im Januar 2009 nur als ein Gnadenakt des Papstes verstanden werden. Durch diesen Gnadenakt hat sich nur die persönliche rechtliche Situation der vier Bischöfe verändert, die jedoch wie die in der Pius-Bruderschaft geweihten Priester suspendiert bleiben; die rechtliche Situation der Bruderschaft selbst ist unverändert geblieben.

Im engen sachlichen Zusammenhang hierzu steht der Beitrag von Peter Krämer, Trier, „Leugner des Holocaust – Möglichkeiten und Grenzen kirchlicher Einflussnahme“ Wie überzeugend dargelegt wird, bietet das geltende kirchliche Strafrecht auch ohne die Einfügung neuer, aus dem staatlichen Recht entlehnter Straftatbestände geeignete Ansatzpunkte, um disziplinär oder strafrechtlich gegenüber solchen Gläubigen vorgehen zu können, die den Holocaust leugnen.

Christoph Böttigheimer, Eichstätt, reflektiert angesichts des weitgehenden Entgegenkommens des Heiligen Stuhls gegenüber der Pius-Bruderschaft einerseits und den oft nur mühsamen Fortschritten in der Ökumene andererseits die Frage „Was ist zur Einheit erforderlich?“. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass in der Ökumene bisher keine Verständigung darüber in Sicht ist, was unter „Einheit der Kirche“ zu verstehen ist. Für die Einheit mit der Pius-Bruderschaft ist neben der Anerkennung der Autorität des Papstes und der Gemeinschaft mit dem Bischofskollegium auch das ungeteilte Bekenntnis zu Glauben und Sitte der katholischen Kirche von Nöten, insbesondere die uneingeschränkte Anerkennung des II. Vatikanischen Konzils.

In den zweiten Teil dieses Sammelbandes wurden einige Beiträge aufgenommen, die an die Diskussionen der Fachtagung anknüpfen und diese in einzelnen Aspekten weiterführen und vertiefen wollen. So fragt Matthias Pulte, Mainz, in seinem Beitrag „Communio plena mit und in der Kirche – alles nur eine Frage der Disziplin?“ nach der Erfüllung des Tatbestands des Schismas durch die Mitglieder und die Anhänger der Pius-Bruderschaft. Ferner vergleicht er konkrete Aussagen der Pius-Bruderschaft mit lehramtlichen Aussagen der römisch-katholischen Kirche und zeigt rechtliche Möglichkeiten für eine mögliche Wiederherstellung der kirchlichen Einheit auf.

Ludger Müller, Wien, geht unter dem Thema „Die Befreiung von einer Tatsanktion im Gnadenweg – Systemwidrigkeiten im geltenden kirchlichen Sanktionsrecht?“ der speziellen strafrechtlichen Frage nach, ob der Erlass einer als Tatsanktion eingetretenen Zensur möglich ist, wenn der Betreffende vorher keine ernsthafte Verhaltensänderung zeigt. Dabei stellt er die Frage, ob ein Erlass einer Tatstrafe möglicherweise systemwidrig ist oder ob sich hier nicht wenigstens eine Lücke im kirchlichen Strafrecht zeigt.

Mit seinem Beitrag „Gnade vor Recht? Kanonistische Fragen zu den Wirkungen des Dekrets vom 21. Januar 2009“ setzt sich Heribert Hallermann, Würzburg, kritisch mit den möglichen Wirkungen auseinander, welche die Aufhebung der Exkommunikation zeitigt. Bei allen Schritten, die seitens des Papstes auf die Pius-Bruderschaft zu getan wurden, bleibt die Frage unbeantwortet, wie weit der Weg der Gnade gehen kann und wo der Punkt erreicht ist, an dem klare rechtliche Entscheidungen und Konsequenzen gefordert sind, damit die Einheit der Kirche nicht weiter gefährdet und die Lehrautorität des Papstes sowie des Bischofskollegiums nicht beschädigt werden.

Angesichts der Unterscheidung von Wandelbarem und Unwandelbarem in der Tradition der Kirche geht Thomas Meckel, Würzburg, in seinem Beitrag „Das Ius divinum positivum – eine unverhandelbare Kategorie des Kirchenrechts“ von der Tatsache aus, dass die Kirche gemäß c. 755 CIC/1983 iure divino positivo zur Einheit und zur Ökumene verpflichtet ist. Nach der Erhebung des kodikarischen Befunds zum Ius divinum positivum werden die Begründung und die Diskussion dieser spezifischen rechtlichen Kategorie in der Kirchenrechtswissenschaft und in der systematischen Theologie dargelegt und schließlich die rechtstheologische Bedeutung des Ius divinum positivum als unverhandelbare Kategorie aufgezeigt.

Andreas Weiß, Eichstätt, beschäftigt sich unter der Fragestellung „Pius oder Konzil? Zum Umgang mit fundamentalistischen Gruppen am rechten Rand der römisch-katholischen Kirche“ grundsätzlich mit dem Phänomen des Fundamentalismus innerhalb der katholischen Kirche. Näherhin untersucht er, ob die Pius-Bruderschaft als fundamentalistisch gelten kann und welche Relevanz eine solche Kategorisierung für die Verhandlungen Roms mit der Pius-Bruderschaft besitzt.

(Text: Prof. Dr. Heribert Hallermann/cet)

Bibliographische Information:

Bernd Dennemarck/Heribert Hallermann/Thomas Meckel (Hrsg.), Von der Trennung zur Einheit. Das Bemühen um die Pius-Bruderschaft (Würzburger Theologie, Band 7), Würzburg: Echter, 344 Seiten, € 24,80. ISBN 978-3-429-03449-8

09.11.2011, 11:58 Uhr