Das Alte Testament als "Schrift der Schrift" ernst nehmen

Prof. Frank Crüsemann (rechts) und Prof. Barbara Schmitz

Prof. Crüsemann stellte sich ausführlich den Fragen der Studierenden (Fotos: Lehrstuhl für Altes Testament)

08.02.2012, 17:55 Uhr

Alttestamentler Frank Crüsemann diskutierte mit Würzburger Theologiestudierenden – Forderung nach Lernprozess bei der christlichen Lektüre der Bibel

(cet) Über die Frage nach dem Verhältnis von Altem und Neuem Testament vor dem Hintergrund der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum diskutierte der Alttestamentler Frank Crüsemann bei seinem Besuch an der Katholisch-Theologischen Fakultät am 30. Januar. Die Würzburger Alttestamentlerin Barbara Schmitz hatte den renommierten Theologen eingeladen, im Rahmen des laufenden Hauptseminars sein jüngstes Buch "Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen" vorzustellen und darüber mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Für Crüsemann, bis 2004 Professor für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule Bethel, ist seine aktuelle Publikation mehr als nur eine wissenschaftlich-theologische Abhandlung. "Ich wollte mir als christlicher Theologe endlich selbst darüber klar werden, warum ich das Alte Testament so lese, wie ich es lese, und ob es legitim ist, das zu tun." Letztlich gehe es ihm um einen Lernprozess in Kirche und Theologie. "Wir sollten begreifen, dass es nichts gibt, was grundsätzlich über den Raum hinausführt, der in der Schrift und durch die Schrift, also durch das Alte Testament, eröffnet wird", so der unter anderem für seine Arbeiten zur Sozialgeschichte des Alten Israel bekannte Wissenschaftler weiter.

Das Verhältnis von Altem und Neuem Testament, und damit auch von Christentum und Judentum, sollte deshalb nicht von der kirchlichen Tradition oder einer theologischen Theorie bestimmt werden. Vielmehr müsse dies soweit wie möglich allein aus der Schrift selbst geschehen, forderte Crüsemann, der sich seit Jahrzehnten auch im christlich-jüdischen Dialog engagiert. Deshalb müsse neu in Blick genommen werden, wie das Neue Testament mit der Schrift, "also dem, was wir heute christlicherseits das Alte Testament nennen", umgehe. Daraus resultiere eine neue und weitreichende hermeneutische Herangehensweise. Sie betreffe nicht nur die christliche Auslegung des Alten Testaments, sondern führe auch zu einer wertschätzenden Haltung christlicher Theologie, Kirche und Praxis gegenüber dem Judentum. "Wir müssen das Alte Testament wieder in die Rolle einsetzen, die es im Neuen Testament hat. Und das heißt als die Schrift, genauer: als die Schrift der Schrift", so lautete das Fazit Crüsemanns, der auch Mitherausgeber der "Bibel in gerechter Sprache" ist.

Das Treffen, zu dem Frank Crüsemann spontan Ja gesagt hatte, sei bereichernd gewesen und habe den Teilnehmern neue Horizonte eröffnet, zeigte sich Seminarleiterin Barbara Schmitz erfreut. Die Studierenden hätten nicht nur Fragen gestellt. "Dadurch, dass sie die Themen und die theologischen Perspektiven und Thesen mit dem Autor selbst konstruktiv und lebendig diskutieren konnten, wurde theologisches Forschen und Arbeiten hautnah erfahrbar", so ihr Resümee.